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9. Zu Besuch im Dorf.

2016-04-15 Vicigo

Anfang März bin ich erneut nach Rajasthan gefahren, um mir Traditionen und Kulturen in Udaipur und Umgebung von meinem Freund Bhanaji zeigen zu lassen.

Die ersten Tage  war ich Tourist. Udaipur ist das Zentrum der uralten Mewar-Dynastie, die früher erfolgreich die Angriffe des Mogulherrschers Akbar des Großen abgewehrt hat. Das Stadtbild ist von Seen, Hügeln des alten Aravali-Gebirges und zahlreichen Palästen geprägt – man nennt Udaipur auch das „Venedig des Ostens“. Dieses sowohl royale als auch romantische Setting zieht auch den Herzensbrecher James Bond nach Udaipur – im Film „Octopussy“ spielt er Backgammon im Hotel des Stadtpalastes, wird vom Bösewicht Kamal Khan im Monsunpalast festgehalten, während er im nur von Frauen bewohnten Seegartenpalast die wunderschöne Octopussy kennen lernt. Der Stadtpalast ist gut erhalten und zum Teil ein Museum, welches die Geschichte der weltoffenen Mewar-Dynastie erzählt. Auch eine Boottour darf man sich als Tourist nicht entgehen lassen: zunächst wird man am Stadtpalast und am Seepalast vorbeigefahren, der heute ein Hotel ist, und schließlich zur Insel mit dem Seegartenpalast gebracht. Auch wenn einige der Straßen im Stadtkern sehr geschäftig sind, ist die Stadt dennoch ruhig und gemütlich. Auch in der Umgebung gibt es einige interessante Orte: Im Norden befindet sich ein alter Tempel, während östlich der Stadt ein kleiner See von Krokodilen bevölkert wird – leider haben sich diese in der Mittagshitze im Wasser versteckt, als ich dort war.

Nach diesem touristischen Programm habe ich mich schließlich mit Bhanaji und seinen Cousins getroffen, um eine Segnung von Shiva in der „Nacht des Shivas“ (Shivaratri) im 1200 Jahre alten Eklingji-Schrein zu erhalten. Eklingji ist der Hausgott der Mewar-Dynastie, der Bhanaji angehört. Hunderttausende Menschen pilgern in dieser Nacht von Udaipur aus entlang des NH8 (National Highway 8) zum 22 km entfernten Schrein. So machten auch wir uns um 7 Uhr abends auf den Weg Bhanaji nahm an dem Festival bereits das fünfzehnte Mal teil.

Die Pilgerreise war an Kuriosität nicht zu überbieten: etwa alle hundert Meter waren Stände aufgebaut, bei denen man umsonst Orangen, Süßigkeiten, Eis, Chips, Reis, Tee, Milch, Saft, Wasser und vieles weitere wie Flyer in die Hand gedrückt bekommen hat – wer mehr Essen und Trinken veteilt, erhält mehr Segen von Shiva. Die Helfer waren oft nicht weniger aufdringlich als Rickshawfahrer. Zusätzlich hat jeder Stand ohrenbetäubende Musik gespielt, zu der Pilgernde wild getanzt haben, erhellt von Bühnenscheinwerfern wie in der Disko. Auf der anderen Straßenseite donnerten LKWs durch die Dunkelheit. Mir war schnell klar: dies ist nicht der Jakobsweg. An einigen wenigen Stellen wurde auch Bhang Lassi verteilt – auch „Special“ Lassi genannt. Bhanaji hat mir erklärt, was es damit auf sich hat: „You know, if they give us drinks, we will not accept. If they give you, you don’t take. Some of the drinks have narcotics. If we drink them, we would not be able to reach“. Dem unschuldigen Joghurtgetränk wird an Shivaratri Marihuana beigemengt – Bhanajis Logik war einsichtig.

Erschöpft kamen wir um halb elf am Tempel an. Um Chaos zu vermeiden musste man sich zwischen zwei Holzzäunen anstellen. Wir haben uns direkt vor das Eingangstor des Tempels gesetzt, eigentlich für Helfer reserviert. Hier säße er jedes Jahr, meinte Bhanaji. Als uns kurz darauf ein Ordner wegschicken wollte, hat Bhanaji seinen Stammplatz mit erstaunlichen Überredungskünsten verteidigt – schließlich ist er der Präsident der Gwyer Hall.

Dann begann das Warten. Die Frauen sangen zu den Göttern, um sich die Zeit zu vertreiben. Die Männer bildeten Sprechchöre: „Bhang“ – „Lassi!“, „Bhang“ – „Lassi!“, „Bhang“ – „Lassi!“.  Zu jeder vollen Stunde bimmelte eine Glocke. Die Stunden zogen langsam dahin. Es war nicht leicht, Schlaf zu finden, da nicht viel Platz zum Liegen war.

Um vier Uhr wurde es langsam unruhig – bald sollte das Tor geöffnet werden! Wir mussten aufstehen, um dem Druck von hinten standzuhalten. Die Sprechchöre wurden lauter und euphorischer. Pünktlich um halb fünf läutete die Glocke lautstark, und das Tor wurde geöffnet. Der Druck von hinten war jetzt so gewaltig, dass man Mühe hatte, selbstständig zu laufen. Am Eingang wurde die Menschenmenge von Ordnern und Polizisten in eine britische Menschenschlange verwandelt. Diese führte uns an vielen unwichtigen Schreinen vorbei zum Eklingji-Schrein. Die Sprechchöre zu Ehren von Shiva und Eklingji erinnerten an ein Fußballstadion. Schließlich kamen wir am Schrein an. Schnell und hastig verbeugte sich Bhanaji vor den Götterstatuen, um die einige Priester wuselten. Bevor ich erkennen konnte, ob etwas an dem Schrein anders war als sonst, wurde ich von den Polizisten weiter gedrängt. Einige sehr Gläubige, die nicht aufhören wollten zu beten, mussten gewaltsam von den Polizisten davongetragen werden. Nach nur wenigen Sekunden war alles vorbei. Draußen angekommen zogen wir uns wieder die Schuhe an. Auf den Straßen sah man viele schlafende Menschen, in Decken eingerollt. Wir liefen entlang der wartenden Menschenschlange, die sich noch etwa 1-2 km dahinzog.

Am Ende der Schlange sah man einige Lagerfeuer. Wir fuhren im völlig überfüllten Taxibus zurück nach Udaipur. Nach einer kurzen Nacht im Hotel fuhr uns Bhanajis Cousin nach Bambora, Bhanajis Heimatdorf. Im Gästezimmer der Landlord-Residenz durfte ich den Schlaf der Shivaratri-Nacht nachholen. Bhanaji musste keinen Schlaf nachholen – er sei „habitual“.

Das Rajputen-Essen war schwer, aber köstlich: Dicke Brotfladen mit Büffelbutter, Gemüse mit viel Öl und Gewürzen, Tomaten, Zwiebeln und Gurken, Teigknödel, Joghurt, sowie indische Süßigkeiten, zubereitet von den fleißigen Frauen im Hause. 

Nach dem Essen und entsprechendem Mittagsschlaf haben mir die Cousins mit dem Auto das Dorf gezeigt. Ich solle mich dort allerdings mit niemandem unterhalten. Bhanaji selbst ist nicht mitgekommen: er war seit vielen Jahren nicht mehr im Dorf. In einer Teestube haben wir zunächst Chai (Tee) getrunken. Danach haben wir Läden und Ställe von Freunden und Verwandten besucht.

Am späten Nachmittag hat mir Bhanaji sein Land gezeigt. In einer einfachen Hütte in den Feldern lebte eine Bauernfamilie. Von einem Baum aßen wir mir unbekannte, säuerliche Früchte (Tamarinde). Anschließend saß ich mit Bhanaji am leeren Flußbett. Von dort konnten wir die Szenerie gut beobachten: bunte Vögel flogen durch die Luft, Languren-Affen haben sich bekriegt, und ein Büffel trabte langsam das Flussbett entlang nach Hause, um dort Schutz vor der Nacht zu suchen. Die Gegend sei rau.

Als es dunkel wurde, zogen wir uns in den Garten zurück. Vom hauseigenen Schrein erklang laute Musik zu Ehren Shivas. Wir bekamen Besuch von einem Patel (einem Angehörigen der Bauern-Kaste). Der Patel hat erzählt, wie er einst gesehen hat, wie ein Mann von einer Schlange gebissen wurde und gestorben ist. Schließlich hat Bhanaji auf das Dach gezeigt und mir erzählt, dass dies ein strategisch günstiger Punkt sei, Banditen (Dacoits) mit Gewehren zu vertreiben, die das Haus angreifen. Beim Abendessen habe ich die Tochter des Cousins kennengelernt. Inder leben in Großfamilien, und meistens hat immer irgendwer ein Kleinkind. Als ich mich nach dem Namen erkundigt habe, musste Bhanaji erst seinen Cousin fragen.

Am nächsten Morgen hat man mir berichtet, dass in der Nacht Affen in den Innenhof des Hauses kletterten, um Schutz vor einem Leoparden zu suchen. In der Tierwelt habe jeder Angst vor Leoparden. Mir wurde ein kräftiges Frühstück serviert. Im Anschluss daran sind wir erneut in das Dorf gelaufen, diesmal jedoch zu Fuß. Auf dem Weg sind wir einem „Baba“ oder „Sadhu“ begegnet, einem Bettelmönch. Die Hitze war schnell unerträglich.

Unser erstes Ziel war das „Karni Fort“, die Festung von Bambora. Diese wurde erst kürzlich renoviert und ist heute ein Hotel für Touristen aus dem reichen Westen. Daher mussten wir am Eingang erst auf die Erlaubnis warten. Im Restaurant wurde uns zunächst ein Chai angeboten, bevor uns die luxuriösen Zimmer gezeigt wurden. Auf der Terasse habe ich deutsche Rentner gesehen.

Im Dorf, das sich bis zum Fuße der Festung erstreckt, haben wir wieder Verwandte und Freunde getroffen. Auf dem Rückweg zum Haus haben wir gesehen, wie eine Gruppe von wehrlosen Spanferkeln von zwei hungrigen Hunden gejagt wurde. Als die Mutter ihren Kindern zu Hilfe kam und die Hunde vertrieb, war es bereits zu spät: Eines der Ferkel ist den Hunden zum Opfer gefallen. Das Gegrunze der aufgewühlten Geschwister war herzzerreißend.

Als wir wieder zu Hause waren wurde ich zum Feld gerufen: Bhanaji hat eine scheue Antilopenfamilie erspäht! Ursprünglich hatten wir geplant, am späten Nachmittag Wild zu jagen, aber Bhanajis Jagdfreunde, die das Wild verzehren müssen (Bhanajis Familie ist streng vegetarisch), hatten leider keine Zeit gehabt.

Diesmal also nur mit einer Kamera bewaffnet sind wir leise aber schnell den Antilopen gefolgt, die bereits die Flucht ergriffen hatten. Unterwegs sind wir einem Kamel begegnet. Auf einem Hügel haben wir innegehalten, um uns dem sich anbahnenden Sonnenuntergang zu widmen und die trockene Landschaft zu bestaunen.

Die Antilopen haben wir nur noch mit den Augen verfolgt. Nach einem kurzen Photoshoot sind wir durch einen kleinen Wald gelaufen, hinter dem wir erneut das Kamel getroffen haben. Kurz darauf sind wir am trockenen Flussbett angelangt. Dort haben wir einen Freund der Familie, einen Patel, besucht. Dankbar haben wir uns Wasser geben lassen und unseren großen Durst gestillt. Als wir wieder gehen wollten, hat der Patel auf Hindi gesagt: „If you don’t stay for chai, I will not visit your home.“

Also blieben wir. Auf einem kleinen Feuer hat die Frau des Bauern Milch, Wasser, Ingwer und Masala Chai für unseren Tee erhitzt und einige Minuten köcheln lassen. Den fertigen Tee hat sie durch ein Sieb in kleine Schalen gegossen und verteilt. Anschließend hat sie nach den Buffalos geschaut, die den beiden gehören. Eine tragbare Lampe hat die Szene erhellt.

Der Tee hat gut geschmeckt. Als ich mich bedanken wollte, hat mir der Bauer nur erwidert: „Katora chhota hai“ – „Bowl is small“. Auf dem Rückweg hat mir Bhanaji erzählt, dass der Bauer lange krank war, sich aber leicht erholt hat. Als wir das Flussbett überquert hatten, hat mir Bhanaji schließlich noch den Brunnen gezeigt, aus dem unser Trinkwasser kam. Beim Abendessen sagte mir Bhanaji: „I just talked to my father. He went to the market earlier. He says the whole village is talking about you! Many have seen white people in the village before, but none of the foreigners were engaged in the local activities the way you were.“

Am nächsten Morgen habe ich den Vater kennengelernt. Die Ähnlichkeit zu Bhanaji war unübersehbar. Er hat mir Bilder gezeigt, auf denen er sich mit den Maharajas aus Jodhpur, Udaipur und Bambora unterhält. Auf dem Fotoalbum war das Wappen der Mewar-Dynastie, der Sonnengott Surya, abgebildet.

Nach dem Mittagessen musste ich mich von Bambora und seinen Bewohnern verabschieden. Zusammen mit dem Vater und einem Cousin sind Bhanaji und ich nach Udaipur gefahren. Als wir ein letztes Mal durch das Dorf fuhren, sah ich eine Gruppe von Männern, die im Kreis unter einem Baum saßen – ein „Panchayati Raj“ (lokaler Gemeinderat). Der Vater war mitgekommen, weil er in Udaipur etwas Geschäftliches erledigen musste. Am Bahnhof haben wir zudem noch einen Verwandten besucht, der dort ein Hotel führt.

Abends stiegen wir in den Nachtzug. Als wir an Bhanajis früherem College vorbeifuhren, hat er mir Geschichten aus seiner Vergangenheit erzählt. Schließlich gingen wir zu Bett, müde von der langen Reise.


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