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3. Schnee in den Himalayas.

2015-12-07 Vicigo

Ende Oktober hatten wir einige Tage frei: Midsemesterbreak. Die Woche haben Jens – der weitere Austauschschüler aus Heidelberg – und ich genutzt, um nach Leh in Kashmir zu fliegen.

Das Abenteuer begann bereits in Delhi: wir hatten Schwierigkeiten, ein Taxi aufzutreiben, und so mussten wir nachts um zwei mit der Auto-Riskshaw 30km zum Flughafen am anderen Ende der Metropole fahren. Der Flug nach Leh war atemberaubend: während die Sonne aufging, zogen die gigantischen Berge des Himalayas unter uns vorbei. Leh liegt auf etwa 3500m Höhe in einem Tal umrandet von den schneebedeckten Bergen Himalayas, und das Flugzeug musste über dem Tal im Kreis fliegen, um an Höhe zu verlieren. Der einzige Flughafen in Leh ist ein Militärflughafen (Bilder strengstens untersagt!). In der Region herrscht eine hohe Militärpräsenz – schließlich grenzt die Region sowohl an das von Pakistan kontrollierten Kashmir (von Indien beansprucht) sowohl an das tibetische China. Dort angekommen mussten wir uns zunächst an die Kälte und die dünne Luft gewöhnen.Vicigo

Um nicht der Höhenkrankheit zum Opfer zu fallen haben wir die ersten beiden Tage locker angehen lassen und uns die Kleinstadt mitsamt dem wunderschönen Palast näher angeschaut. Kultur, Religion, Bewohner und Landschaft sind sehr tibetisch, und wir wurden stets freundlich empfangen. Die Bäume stachen herbstlich gelb aus der an sich sehr kahlen Umgebung hervor.VicigoVicigo

Am zweiten Tag haben wir uns Motorroller gemietet, um die Gegend besser zu erkunden. Ich kann zwar nicht Roller fahren, aber mit meinen Fahrrad- und Autokünsten war das kein Problem.

Nördlich von Leh steigt die Straße bis auf etwa 5603m auf den Khardung La Pass an – angeblich die höchste motorisiert befahrbare Straße der Welt. Wir haben die Herausforderung angenommen und machten uns am dritten Tag mit unseren Rollern auf den Weg. Die Straße war zunächst in gutem Zustand und wenig befahren, abgesehen von riesigen Militärkonvoys und einigen Trucks. Auf den letzten 8km ging der Asphalt in steinige Erde über. Die Luft wurde dünner. Es wurde zunehmend kälter, und trotz mehrerer Jacken, Pullis und Hosen haben wir gefroren. Auf den letzten Metern hat es leicht geschneit. Auf dem Dach der (motorisierten) Welt sind wir nicht lange geblieben.VicigoVicigo

Südlich von Leh erstreckt sich das Stok-Massiv. Am vierten Tag haben wir unsere Rucksäcke gepackt und uns auf eine dreitägige Wanderung begeben. Der erste Tag führte uns am Indus entlang durch eine Mondlandschaft. Übernachten konnten wir unkompliziert in einem der Dörfer, die für Touristen sogenannte „Homestays“ anbieten: Abendessen, Bett, Frühstück und Lunchpaket. Am zweiten Tag ging es das Tal hinauf zu einem entlegenen Bergdorf, das von der Viehwirtschaft lebt: Pferde, Kühe, Yaks, Esel, Schafe. Der Besitzer des Homestays hat uns freundlicherweise zum Abendessen in die Küche eingeladen: der einzige warme Ort im ganzen Haus. Für die Nacht wurde in der Region eine Erdbebenwarnung herausgegeben, die (glücklicherweise) nicht stimmte.VicigoVicigoVicigoVicigoVicigoVicigo

Am nächsten Morgen sind wir zusammen mit zwei weiteren Deutschen und einem Franzosen die sehr anspruchsvollen 600 Höhenmeter auf den Stok La Pass gestiegen. Ständig ist uns die Luft ausgegangen, und wir haben alle 10 Meter angehalten. Wie wir es tatsächlich auf den Pass geschafft haben, bleibt mir ein Rätsel. Oben angekommen haben wir auf über 4900m die Mittagspause eingelegt – wir waren höher als der Mont Blanc. Die Aussicht war wie so oft in Leh beeindruckend. Der Abstieg hat uns durch weitere Täler zurück zum Industal geführt.VicigoVicigo

Am nächsten Tag fand eine muslimische Prozession statt. Die Teilnehmer standen sich in Reihen gegenüber und haben rhythmische Bewegungen ausgeführt. Erst nach etwa einer halben Stunde ist mir aufgefallen, dass nur Männer an der Prozession teilnahmen – ich bin wohl schon zu lange in Indien. Der Höhepunkt des Festes fand am darauffolgenden Tag statt, bei dem die Leiden des Propheten Mohammeds nachempfunden werden sollen. Einige der jungen Männer haben sich zu diesem Zweck mit scharfen Eisenplättchen auf den Kopf und den nackten Rücken gehauen. Ärzte haben das blutige Schauspiel verfolgt, dreimal mussten Männer abtransportiert werden. Schließlich gab es noch einen hervorragenden Zimttee, der ganz umsonst war.VicigoVicigo

Nachmittags wollten wir den Bus über Kirgil und Srinagar nach Jammu nehmen, da die Flugtickets zurück mit 200 Euro sehr teuer waren. Am Busstand haben wir jedoch erfahren, dass bereits alle Kleinbusse voll waren. Es war bereits Samstagnachmittag, und uns lief die Zeit davon. Uns blieb keine Wahl: wir mussten den Kleinbus nach Manali nehmen, der abends um acht fuhr.

Der Highway Leh-Manali ist berühmt-berüchtigt. Insgesamt führt dieser über vier atem(be)raubende Pässe. Höhenkrankheit ist keine Seltenheit. Die Straße ist nur teilweise asphaltiert. Offizielle Busse stellen den Verkehr bereits im September ein, und die Straße wird für gewöhnlich ab Mitte Oktober gesperrt. (Mehr Informationen zum Highway auf www.dangerousroads.org – gleich auf der ersten Seite). Uns wurde von der Route abgeraten, da es bereits schneien soll. Dass der Busfahrer vor der Abreise mit einigen Passagieren noch einen Joint geraucht hat, war auch nicht sonderlich beruhigend (zumindest für uns nicht). Ob das nicht gefährlich sei? „No problem“, meint einer der Passagiere – er selbst sei Busfahrer. „We do it all the time.“

Pünktlich um viertel vor neun hat sich die Kolonne auf den Weg gemacht. Je später es wurde, desto einsamer wurde es auf der Straße. Meistens verging eine Stunde, bis wieder ein Fahrzeug in Sicht kam. Einige Male standen Autos oder Trucks verlassen auf der Straße, einmal stand ein Truck quer nur halb auf der Straße, kurz vor dem umkippen, mit Warnblinkern an. Das Fahrzeug schien allerdings verlassen zu sein.

Uns wurde geraten, vorne zu sitzen, da es dort weniger ruckelt – ein fataler Fehler. Das Fahrerfenster musste die ganze Zeit offen bleiben, und trotz Daunenjacke und langer Unterwäsche war es zu kalt zum Schlafen. Der Busfahrer hat Kette geraucht. Die Kolonne bahnte sich langsam den Weg durch diese kahle, kalte Einsamkeit, und die Fahrt glich eher einer Expedition in die Arktis als einer Heimfahrt vom Urlaub. Zwei Pässe – die höchsten beiden – lagen bereits hinter uns. Draußen hat es angefangen zu schneien, und der Schnee blies einem kalt durch das Fahrerfenster ins Gesicht. Die Straße stieg zum nächsten Pass an. Und wie es sich für eine richtige Expedition gehört, sind wir schließlich stecken geblieben.Vicigo

Der Kleinbus vor uns hatte keinen Halt auf der schneebedeckten Straße. Utensilien wie Schneeketten oder Schaufeln aus dem sicherheitsverwöhnten Westen waren ebenso zahlreich vorhanden wie Sitzgurte. Zwar kam der Kleinbus durch die tatkräftige Unterstützung der Passagiere, die den Bus anschoben, die Anhöhe hoch, aber bereits zwei Kurven später blieb der Bus erneut stecken. Die viele freie Zeit konnte ich dazu nutzen, die Überlebenswahrscheinlichkeit nach jeder Kurve neu abzuschätzen. An einer Stelle blieb schließlich unser Bus stecken.

Es gibt tatsächlich angenehmere Situationen, als auf fast 5000m nachts um fünf in den Himalayas im Schneesturm zu hängen. Aber hätte man sonst die Möglichkeit gehabt, in einer gemeinschaftlichen Anstrengung den Kleinbus die Steigung hochzuschieben? (Die weitere bei diesen Fahrten sehr seltene Möglichkeit, auf die Toilette zu gehen, habe ich natürlich auch sehr begrüßt). Nachdem wir den Bus etwa zehn Male erfolglos angeschoben haben – links neben uns wartete geduldig der Abgrund – haben wir es schließlich doch geschafft. Nur etwa einen Kilometer später war der Pass, und damit waren wir über den Berg. Es wurde hell, als der Bus langsam die Serpentinen herunterfuhr. Wir waren so durchgefroren wie die Wasserflasche des Beifahrers auf dem Armaturenbrett. Zur Beruhigung hat der Beifahrer dem Busfahrer einen weiteren Joint angezündet.Vicigo

Ein weiterer Pass hat noch auf uns gewartet. Oben lag etwas Schnee, und zahlreiche Inder, von denen die meisten vermutlich noch nie Schnee gesehen haben, haben Schneebälle geworfen und Fotos geschossen. Um zwei kamen wir in Manali an, froh, nicht unser Benares gegeben zu haben (sagt man in Indien für „das Zeitliche segnen“). Der Busfahrer, der bereits seit fast 17 Stunden am Steuer gesessen hat, war sicherlich auch erleichtert. Wir haben nach einem kurzen Mittagessen den Bus nach Delhi genommen.

Nach dem Herbst in Leh und dem Winter in den Bergen wurden wir in Delhi von einem fröhlichen Sommer begrüßt. Wir kamen noch rechtzeitig zum Unterricht am Montag. Als ich meinen Programmierkurs hatte, standen plötzlich alle Mitschüler auf und wollten nach draußen gehen. Fällt die Stunde aus? Ich habe einen Mitschüler gefragt, was los sei. „Earthquake!“, meint er nur und zeigt auf zwei Risse in der Wand gegenüber. Die Risse waren zwar schon vorher da, aber tatsächlich gab es ein Erdbeben in Afghanistan. Nach fast anderthalb Tagen im Bus war ich wohl nicht in der Lage, das Beben zu fühlen!Vicigo



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