Vicigo logo

8. Lärm in Indien.

2016-04-15 Vicigo

Inder mögen es, Lärm zu machen. Das gilt zum Beispiel auf der Straße, wenn oft grundlos gehupt wird, oder bei Hochzeiten, die bunt und laut und riesig sind, sowie bei kulturellen Veranstaltungen, bei welchen die Lautsprecher bis an die Schmerzensgrenze aufgedreht werden. Unvergesslich bleibt mir auch eine Party in Erinnerung, nach der ein besorgter Vater beim Anblick seiner betrunkenen Tochter fast eine Anzeige wegen Vergewaltigung erstattet hat – um Lärm zu machen.

Doch auch politisch wird viel Lärm gemacht: Proteste gegen den Hindu-Nationalismus wurden organisiert, nachdem der Student und Dalit („Unberührbarer“) Rohith Vemula aus Hyderabad Selbstmord begangen hat, weil er sich benachteiligt und diskriminiert gefühlt hat – Befürworter Vermulas sprechen von einem „institutionellem Mord“. Um von der ganzen Sache abzulenken, hat sich die Hindu-nationale Regierung mit einer der drei großen Universitäten Delhis angelegt – der Jawaharlal Nehru Universität (JNU). Die JNU ist bekannt für linksgerichtete Studenten. Für eine angeblich anti-nationale Demonstration wurde der Studentensprecher verantwortlich gemacht und inhaftiert, wodurch viel Wirbel verursacht wurde. Bei uns in der Gwyer Hall Kantine kam es schließlich zu einer Schlägerei zwischen etwa zehn JNU-Sympathisanten und Gwyer Hall Bewohnern.

Die Kantine ist bekannt für ihren köstlichen und vitaminreichen Lemon-tea. Immer wenn ich verschlafe und das Frühstück in der Dining Hall schon beendet ist, muss ich in die Kantine zum Frühstücken. Bei der Schlägerei wurden Tische, Stühle und Gläser zu Kampfmitteln. Nachdem einer der Beteiligten von einem Tisch getroffen wurde und halb bewusstlos und zuckend zu Boden ging, hat Conan, ein Freund von mir, den Gefallenen mit Wasser wiederbelebt – ein Fehler. Denn als der Gefallene, noch benommen, wieder auf zwei Beinen stand, wurde er nicht weiter verschont. Mädchen wurden durch das Hintertor eskortiert. Unser Präsident Bhanwarsa Vishvendra Raj Singh, für mich nur Bhanaji, wurde schließlich zum Schauplatz gerufen, um den Streit zu beenden. Erst als Polizei und Krankenwagen eintrafen, kehrte wieder Ruhe ein. Bhanaji hat mir versprochen, mir das Überwachungsvideo zu zeigen, wenn die Polizei es wieder zurückgebracht hat.

Momentan protestieren Mitglieder der Jat-Kaste in Haryana, einem Nachbarstaat von Delhi, gegen eine Benachteiligung durch eine „Kastenquote“. Bei den gewalttätigen Ausschreitungen hat bereits ein Bahnhof gebrannt und über 10 Menschen kamen ums Leben. Als bei uns im Wohnheim der Strom für etwa 12 Stunden ausfiel, wurde gemunkelt, dass es mit den Ausschreitungen zu tun haben könne. Außerdem haben die Jats viele wichtige Kanäle besetzt, die Delhi mit Wasser versorgen, und die Stadt nahezu trockengelegt. Militärisch hat die Regierung einen Kanal zurückerobert, musste den Demonstranten jedoch trotzdem entgegenkommen. An einem Morgen drei Tage später lief kein Wasser in meinem Badezimmer. Später sah das Wasser leicht bräunlich verfärbt aus. Unser Wohnheims-Präsident hat mir stolz erklärt, dass kein anderes Wohnheim in Delhi momentan fließendes Wasser hat. Das Wasser käme zurzeit aus dem Grundwasser hinter dem Wohnheim.

Nicht nur politisch, sondern auch kulturell wird derzeit viel Lärm gemacht. Jedes College organisiert ein College-Festival, bei welchem tagsüber College-interne Wettbewerbe zwischen den „Societies“ abgehalten werden (einmal habe ich mit der Chor-Society teilgenommen), und abends Konzerte oder sogenannte DJ-Nights stattfinden. Besonders überzeugend sind die Tanz-Wettbewerbe, bei denen traditionelle indische Tänze sowie westliche Choreographien vorgeführt wurden. Draußen locken Essensstände und Unterhaltungsspiele. Ich habe an den College-Festivals „Tarang“ vom Lady Shri Ram College und „Tempest“ vom Miranda House College teilgenommen.

Außerdem wurde in meinem College ein Korea-Tag abgehalten. Bei diesem wurden koreanische Tänze, Judoka, ein koreanischer Film und K-Pop vorgeführt. Zum Schluss wurden unter anderem ein Smartphone und ein Fernseher des koreanischen Sponsors LG im Wert von etwa 1500 Euro unter den 500 Teilnehmern verlost – ich habe leider nicht gewonnen.

Am Tag darauf bin ich mit Conan aus Assam (ein Staat in Nordost-Indien) in die Kirche gegangen. Der Gottesdienst war fast gleich wie in Deutschland, bis auf dass die Orgelmusik durch sehr beruhigende Aufzugmusik ersetzt wurde und die Hostie etwas knuspriger war. Conan wurde als Nichtchrist enttarnt und hat daher die heilige Kommunion nicht empfangen.

Im Anschluss sind wir zu einem Neujahrsfest gegangen – Conans Stamm aus Assam feiert Ali-A:Yé-Lígang (Neujahr) alljährlich am ersten Wochenende nach dem 17. Februar. Hierzu wurde Musik und Tanz vorgeführt, während wir Schwein mit Pappreis gegessen und Reiswein getrunken haben. Reiswein schmeckt etwa wie Schinken, Apfelwein und Essig kombiniert – so köstlich, dass ich gleich drei Becher getrunken habe! Die Menge hat den Sängern und Tänzern respektvoll zugejohlt. Wie überall in Indien versucht auch Conans Stamm, Kultur und Traditionen aufrechtzuerhalten. Assam liegt im Nordosten Indiens. Bewohner der Region haben asiatische Gesichtszüge und sind von Chinesen, Koreanern, oder Südostasiaten kaum zu unterscheiden.

Nach der Veranstaltung war für mich Assam mehr als nur eine Teesorte.

Wie jeden Frühling wurde auch dieses Jahr wieder ein Blumenwettbewerb unter den Wohnheimen abgehalten, und wie jeden Frühling staubt die Gwyer Hall den ersten Preis ab – dieses Jahr waren unsere Blumen in 15 der 28 Kategorien die schönsten! Unser ehrwürdige Präsident Bhanaji hat den Preis im geblümten Hemd entgegengenommen.

Ende Februar fand schließlich das langersehnte und preisgekrönte College-Festival „Mecca“ von meinem Hindu-College statt. Für mich war das Festival eine gute Gelegenheit, altbekannte Gesichter aus dem letzten Semester wiederzusehen. Die Konzertbühne auf der Sportanlage war deutlich größer als die der anderen College-Festivals. Gespielt wurden Rock, Indian-Rock und EDM (Electronic Dance Music).

Zwei Tage später bin ich mit Conan nach Süddelhi gefahren, wo ein „Streetart-Festival“ zwischen einer Mülldeponie und einem Güterumschlagsplatz stattfand. Das Festival wurde von artistisch bemalten Containern eingeschlossen, in denen Künstler aus aller Welt ihre Objekte ausgestellt haben. In der Mitte fand ein „Rap-Battle“ statt: Ziel war hierbei, den Gegner durch die eigenen Breakdancekünste zu diffamieren. Nach fast sieben Monaten Delhi war diese westliche Enklave ein richtiger Kulturschock für mich.

Schließlich habe ich auch ein bisschen Lärm veranstaltet. Es ist Montagmorgen, Statistische Mechanik. Aus dem Nichts fragt mich der Lehrer: „Suppose you have a bowl with three white balls and two black balls. You take out a white ball. What is the probability of taking out another white ball?“ Also antworte ich: “It is 50%, Sir!” “That is not the right answer! Don’t you pay attention in class? This is an 8th-Standard question, and you don’t know it!” Offensichtlich hatte er die bedingte Wahrscheinlichkeit im Sinn. Die Nase voll habend (sowohl figurativ als auch buchstäblich, ich war wieder leicht erkältet) bin ich vor den Professor getreten und habe gesagt: „Don’t you ever pick me out like that in class again. Understand?“ Im Vorlesungssaal wurde es mucksmäuschenstill unter den etwa 100 Studenten – in Indien wehrt sich normalerweise niemand gegen Autorität (der Professor hat schon vorher Studenten aus der Vorlesung geworfen, die nicht widersprochen haben). Darauf folgte ein Schlagabtausch, das der Professor schließlich beendet hat: „Please sit in the back!“. Natürlich habe ich mich wieder in die erste Reihe gesetzt – ich sitze immer in der ersten Reihe. Nach einem Augenduell hat der Professor seine Vorlesung fortgesetzt.

Im Anschluss an die Vorlesung wollte ich mich beim Professor entschuldigen – schließlich habe ich Indiens goldene Regel, dass man Dinge nicht ernst nehmen darf, missachtet. Doch dann kam ein weiterer Student zu mir und hat mir erklärt, dass ich im Recht war, und dass er sich für mich eingesetzt hätte, wenn das nicht negative Auswirkungen auf die Note gehabt hätte. Er schätze meinen Mut, für die Rechte der Studenten zu stehen. Vielen Kommilitonen habe es Genugtuung gegeben. Schließlich hat er mich gebeten, dass ich mich nicht bei dem Professor entschuldige. Vielmehr wolle er sich für die hiesige Professorenschaft entschuldigen.

An diesem Tag bin ich in meinem Superheldenkostüm nach Hause geflogen.


Vicigo - explore the world of hashtags