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1. Indien - die ersten Wochen.

2015-09-06 Vicigo

Vor vier Wochen bin ich auf dem Indira Gandhi Airport gelandet. Die Ankunftszeit war denkbar ungünstig - 3 Uhr morgens. Meine ersten Stunden habe ich daher schlafend auf dem Flughafen verbracht.

Bei der Einreise habe ich bereits meine ersten Erfahrungen mit der berüchtigten indischen Bürokratie gemacht. Nach langem Anstehen wurde ich beim Schalter unter anderem gefragt, aus welchem Land Galilei kommt.

Schließlich musste ich noch nach der Metrofahrt mit Gepäck durch heftigen Monsun und unvorhersehbaren Verkehr zur Unterkunft laufen und habe damit bereits die bisher einzigen negativen Aspekte des Landes überstanden: Bürokratie, Verkehr, Regen.

Independence Day

Etwa eine Woche nach meiner Anreise fand bereits einer der wichtigsten indischen Feiertage statt: der "Independence Day", der die am 15. August 1947 durch Mahatma Gandhi erzielte Unabhängigkeit Indiens von den Briten zelebriert. Dieser Tag war die Geburt des modernen Indiens und damit auch die Geburt der größten Demokratie der Welt. Noch heute ist Gandhi für die meisten ein Nationalheld; lediglich einige wenige beklagen, dass Gandhi die Abspaltung Pakistans von Indien nicht verhindert hat.

Der indisch-stämmige, vor Kreativität überbordende, jedoch durchaus kontroverse Autor Salman Rushdie, bekannt für seinen märchenhaften Schreibstil, den magischen Realismus, schrieb 1981 den preisgekrönten Roman "Midnight's Children", in welchem der Ich-Erzähler sein mit der Geschichte des modernen Indiens untrennbar verknüpfte Leben erzählt:

"I was born in the city of Bombay ... once upon a time. No, that won't do, there's no getting away from the date: I was born in Doctor Narlikar's Nursing Home on August 15th, 1947. And the time? The time matters, too. Well then: at night. No, it's important to be more ... On the stroke of midnight, as a matter of fact. Clock-hands joined palms in respectful greeting as I came. Oh, spell it out, spell it out: at the precise instant of India's arrival at independence, I tumbled forth into the world."

Genau 68 Jahre und 9 Stunden später purzelte ich morgens verschlafen aus dem Bett und hatte bereits die feierliche Rede des Vorstehers des Gwyer Hall Hostels verpasst. Glücklicherweise war jedoch noch etwas von dem sehr süßen, kräftigen und nahrhaften Kaffee vorhanden.

Gwyer Hall

Das Gwyer Hall Hostel ist eine Mischung zwischen Studentenwohnheim und Hostel. Ehemals eine Kaserne der Engländer ist das Gebäude heute denkmalgeschützt. Nach britischem Vorbild ist der Garten stets gut gepflegt und es gibt Tee um fünf. Unter den Studenten-Hostels gibt es sogar jeden Winter einen Blumen-Wettbewerb, den die Gwyer Hall souverän schon seit zwanzig Jahren für sich entscheiden kann.Vicigo

Ähnlich gut ist das Essen, das in der Miete mitinbegriffen ist und nicht selten Studenten von außerhalb lockt - die müssen aber zahlen (das Essen kostet etwa umgerechnet einen Euro). Meistens gibt es Chapatis (Teigfladen), Soße mit Käse, Eiern, Huhn oder Gemüse, Reis, Gurken und Linsen, und immer Nachtisch wie Joghurt, Milchreis, Eis oder ein süßes Gebäck.

Mein Zimmer ist (verhältnismäßig) üppig, mit Gästezimmer und Bad mit dem Nachbarn - eigentlich für Doktoranden vorgesehen, wie ich später erfahren habe. Das Zimmer ist in einem Anbau, dessen Baustil sich vage an dem von Cambridge orientiert. Andere Bewohner müssen sich ihr Zimmer teilen. (Auch ich teile mein Zimmer, mit einem Eichhörnchen, dass zwischen Fenster und Mückengitter lebt).Vicigo
Auf dem Rasen wird Cricket gespielt, es gibt einen Badminton-Platz, sowie eine Muskelbude, ein Fernsehzimmer, ein Computerzimmer, einen Lernraum und einen "Zeitungsleseraum" mit aktuellen Ausgaben. Hinter dem Hostel sind die Quartiere für die zahlreichen Angestellten dieses und eines benachbarten Wohnheims (ein Angestellter auf drei Studenten).
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Hindu College

Mit etwa 250000 Studenten ist die Delhi University (DU) eine der größten Universitäten weltweit. Die DU ist in etwa 70 Colleges unterteilt, die jeweils Bachelorvorlesungen in allen Fachbereichen anbieten und mit etwa 3000 Studenten einer Schule ähnlich sind. Ich bin am etwas liberaleren Hindu-College, das dem strengeren und renommierten St. Stephens-College gegenübersteht.
Zwischen den beiden Colleges gibt es eine Rivalität: Vor dem St. Stephens-College steht auf Schildern: "No Hinduites or Dogs allowed", während das Hindu-College Hunde zulässt: "No students from St. Stephens allowed, but dogs are welcomed".
Die ersten Tage am Hindu College sind für mich etwas hektisch, da ich einige organisatorische Angelegenheiten zu erledigen habe. Die anderen Studenten sind sehr hilfsbereit: Jedesmal wenn ich kurz stehen bleibe und mich orientieren muss, kommen zwei drei "Hinduitaner" zur Hilfe.Vicigo
Mastervorlesungen gibt es keine, und so habe ich die Freiheit, neben den Vorlesungen "Elektronik" und "C++-Programmierung" (beide mit praktischem Anteil) auch die Fächer "Soziologie" und "Indische Philosophie" zu belegen. Die Vorlesungen sind weniger theoretisch als in Deutschland, aber dennoch auf hohem Niveau. Die Klassen sind deutlich kleiner (etwa 30 Studenten).

Besonders groß unterscheidet sich der Unterricht bei dem Experimentierkurs: Hier werden sogar die einzelnen Widerstände notiert, die man ausleihen muss. Viele Materialien sind veraltet und fehlerhaft. Bei der Ausleihe wird nicht der Name, sondern die "Rollnummer" verlangt, die jedem Student am Anfang des Semesters zugeordnet wird - außer mir. Als ich daher meinen deutschen Personalausweis gezeigt hat, hat es eine beliebige Nummer auf diesem auch getan.
Etwa einen Monat nach Schulstart gibt es in jedem Fachbereich die sogenannten "Freshers", eine ganztägige Veranstaltung, die von den "Seniors" für die "Freshmen" organisiert wird und bei der sich die verschiedenen Jahrgänge kennen lernen sollen. Dort gibt es Vorführungen (Tanz, Gesang, Musik etc.), aber auch unangenehme Fragen, die die Freshers beantworten müssen und Aufgaben, bei denen man sich blamiert (ich musste zum Beispiel auf der Bühne ein Mädchen ohne Berührung verführen). Üblicherweise verkleidet man sich dem Thema entsprechend (bspw. als Superhelden, Filmhelden etc.). Mittags gibt es indisches Essen. Als Student von gleich drei Fachbereichen habe ich das unglaubliche Privileg, an drei "Freshers" teilzunehmen. Im Soziologie-Fachbereich bin ich schließlich sogar "Mr. Fresher" mit meinem kreativen Superheldenkostüm geworden (Handtuch um meinen Hals, und Unterhose über der Hose).
Da ich in drei Fachbereichen bin und generell bereits durch mein Aussehen auffalle und die Aufmerksamkeit auf mich ziehe, kennt mich schon das halbe College, und ich habe schon sehr viele Freunde, die mich begrüßen und die ich in meinem Leben noch nie gesehen habe. Aber auch zu den zahlreichen Gesichtern, die ich schon kenne, fällt es mir schwer die Namen zuzuordnen - Ashwani, Aditya, Anurag, Akash, Abhishek, Abhinav, Anil oder Ankit? Auf Facebook gehen die Freundschaftsanfragen in die Hunderte, und ich verliere den Überblick.
Das Hindu-College ist ein lebendiger Ort mit viel studentischer Initiative. So gibt es "Societies" wie Chor, Debattierclub, Tanz, Theater, Quizclub, Kunst, die jeweils von Studenten geleitet werden und meistens im Freien proben. Ziel einiger Societies ist es, an nationalen Wettbewerben unter den Colleges und Universitäten teilzunehmen. Daher treffen sich einige Societies bis zu sechs mal die Woche und erfordern, dass man Kurse ausfallen lässt - Ausreden sind ungern gesehen.
Sowohl auf College-, als auch auf Universitätsebene werden jedes Jahr Prime Minister, Vice Prime Minister, Secretary, Vice Secretary etc. gewählt, die Geld zur Verfügung gestellt bekommen und sich um studentische Angelegenheiten kümmern sollen. (Oft wird das Geld allerdings dafür verwendet, die hohen Kosten des Wahlkampfs wieder zurückzugewinnen.) Die Wahlen, die dieses Jahr auf meinen Geburtstag gelegt wurden, haben einen sehr hohen Stellenwert unter den Studenten, und nicht selten kommt es kurz vor den Wahlen zu Rangeleien unter den ansonsten sehr friedliebenden Indern. In den Colleges, den Hostels und auch auf den Straßen werden Flyer in die Luft geworfen, Mitglieder der Parteien rufen Wahlsprüche bei Getrommel in die Klassenzimmer, Autokorsos verursachen Staus auf den Straßen, und Demonstrationen werden organisiert - es geht darum, den meisten Lärm zu machen. Der Wahlkampf hat sich diese Woche dadurch weiter verschärft, dass ein Kandidat disqualifiziert wurde, weil er in einem Wohnheim bei einer Party Alkohol getrunken hat. Die Anhänger des Kandidaten haben daraufhin mit Protesten reagiert. Für die einen eine Intrige, für die anderen ein unglücklicher, aber nicht ungerechter Vorfall. Der Wahlkampf wird auch auf Facebook ausgetragen, und es ist schwer, sich ganz rauszuhalten. Nächste Woche werden die Kontrollen an den Eingängen verschärft, und ich muss hoffen, dass ich Zutritt bekomme (denn ich habe keinen Studentenausweis). 


University Enclave

Sowohl die Gwyer Hall als auch das Hindu College befinden sich auf dem "North Campus". Gegenüber vom Hostel ist ein großes Cricket-Stadion, erbaut für die Commonwealth-Games, die 2010 in Delhi stattgefunden haben.Vicigo

Direkt hinter dem Hostel liegt das "Kamla Nehru Ridge", eine Mischung aus Park und Urwald, der überwiegend von Pärchen und Affen bevölkert wird und daher "Couple Park" genannt wird. Das "Ridge" ("Gebirgskamm"), heute allenfalls eine kleine Anhöhe, ist ein Überbleibsel des Aravalli-Gebirges, eines der größten und ältesten Gebirge der Welt. Wäre es nicht immer so warm (35-40 Grad tagsüber, 26-28 Grad in der Nacht, hohe Luftfeuchtigkeit), so würde sich der Park sehr gut zum Joggen eignen. Nachts schrecken britische Geister die Pärchen ab (nicht aber die Affen!), da während einer Rebellion 1857 viele britische Frauen und Kinder im Teich ertrunken sind.Vicigo

Nördlich des Campus ist die Metrostation "Vishwa Vidyalaya" (Universität), mit der man günstig (30 Cent) und schnell in die entlegenen Gebiete der Metropole fahren kann.

Südlich des Hindu-College befindet sich der Kamla Nagar Market, ein Marktviertel, in dem auch viele Studenten wohnen. Die Straßen werden von heiligen Kühen bevölkert.

Vicigo


Jetzt muss ich aufhören zu schreiben: der Strom ist gerade ausgefallen, und der Laptop-Akku geht zur Neige. Außerdem gibt es gleich leckeres Abendessen.

Viele Grüße aus Indien!


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