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2. Collegetrips und Krankheiten.

2015-10-12 Vicigo


Ich bin jetzt über zwei Monate in Indien, und die Bewohner der Gwyer Hall sind mir schon richtig ans Herz gewachsen:

der kleine Mann mit dem Buckel, der den Tee in der Kantine serviert, der Student mit dem lockigen Vollbart und den Pausbacken, der wie ein indischer Weihnachtsmann aussieht, der blinde Mann mit dem Stock und dem Tuch über der Schulter, der in sich gekehrte Professor mit dem Schnauzer, der endlos im Kreis um den Badmintonplatz geht, der Doktorand aus Tamil Nadu, der jugendlich gut gelaunt ist und das Leben mit gutem Essen und Whiskey genießt, der ehemalige Juraprofessor, der seinen Job wegen internen Querelen aufgeben musste und illegal, aber geduldet in der Gwyer Hall wohnt, dafür aber Carrum - man könnte es auch Finger-Billiard nennen - spielt wie kein zweiter, und natürlich die Angestellten des Speisesaals:

der ältere Mann mit dem weißen Umhang, der die Butter auf die Chapattis schmiert und von den anderen Angestellten geneckt wird, der Mann mit dem dicken Bauch und dem dreckigen Unterhemd, der den Nachtisch austeilt, und viele weitere, die das Essen zubereiten, servieren, und das Geschirr spülen.

Vicigo


Das Wetter ist sehr langweilig geworden: der Monsun ist vorbei, und es ist schon eine Weile her, dass ich Wolken am Himmel gesehen habe. Tagsüber ist es zwar noch warm (35°C), aber nachts wird es schon deutlich frischer (25°C) - ein Segen, da mein Zimmer keine AC hat. Ich genieße den Hochsommer so gut es geht, denn schon im November soll es kälter werden. Ich vermisse mein Eichhörnchen, dass nicht mehr in meinem Fensterrahmen wohnt. Ich hoffe nur, dass es ihm gut geht. Dafür ist eine Eidechse bei mir eingezogen, die mir hoffentlich die tödlichen Dengue-Moskitos vom Leib hält!

Die Aula ist voll? Die halbe Bühne ist noch frei!

Der Wahlsieger steht fest

Das Semester ist mittlerweile in vollem Gange, und ich habe bereits die ersten Assignments und Tests hinter mich gebracht, bei denen ich mich mit der soziologischen Perspektive, dem indischen Philosophiestil und elektronischen Schaltkreiskomponenten beschäftigt habe - mehr oder weniger erfolgreich. Bei zahlreichen Extraveranstaltungen wie einem Vortrag über Produktionsverfahren von Halbleitern, einem ethnographischen Filmfestival oder zwei Klassenfahrten leidet meine Anwesenheit in den Vorlesungen.

Zusätzlich versuche ich, die zahlreichen Sehenswürdigkeiten Delhis an den Wochenenden abzuarbeiten. Abgehakt habe ich bereits das Red Fort mit seinen riesigen Wällen und offenen Regierungsgebäuden sowie den sehr europäischen Connaught Place: ein kreisrunder Verkehrsknoten mit vielen Boutiquen in einem Säulengang am Rand.Old Delhi. Im Hintergrund das Red Fort

Das Red Fort


Krankenhaus


Vier Tage vor meiner ersten Klassenfahrt bin ich sehr plötzlich erkrankt. Am Morgen ging es mir noch wie an jedem anderen Morgen auch - müde, keine Lust auf Uni, aber dennoch voller Erwartungen. Nach der ersten Stunde hat ein Gefühl von Unwohlsein eingesetzt, und eine Art Aufregung im ganzen Körper. Mit jeder Minute wurde es schlimmer, und ich wusste natürlich sofort was es war: Entweder Tollwut, Dengue oder Typhus. Hab ich Tollwut von dem Hund, der mich am "Roten Fort" gebissen hat? Oder Dengue von den zahlreichen Moskitos, die das Fieber übertragen? Das tödliche Fieber grassiert zurzeit in Delhi, und an der Gwyer Hall hat es bereits fünf Fälle gegeben. Angeblich überstehen 80% das Fieber ohne bleibende Schäden. Statistisch gesehen... Nicht zuletzt könnte es jedoch auch Typhus sein, dass man bekommt, wenn man das Leitungswasser trinkt.

Mittags hatte ich schon über 39°C Fieber, und zusammen mit dem anderen deutschen Austauschschüler Jens bin ich in der Auto-Rickshaw ins Krankenhaus gefahren. Da es ein privates Krankenhaus war, kamen wir auch sehr schnell an die Reihe. Als wir an den vielen Zimmern mit den Kranken und den vielen Menschen drumherum ins Behandlungszimmer gelaufen sind, konnte einem schon mulmig werden.

Nach der kurzen Behandlung hat mir der Doktor Medikamente zur Bekämpfung der Symptome verschrieben und gesagt, ich solle morgen nochmal kommen, wenn es nicht besser wird. Tollwut hat er schon ausgeschlossen - zum Glück! Die Bezahlung ging schnell und unkompliziert: "500 Rupees" - bar auf die Hand.

Nachts hat die hohe Anzahl der Darmentleerungen schließlich gezeigt, dass es auch nicht Dengue oder Typhus ist, sondern lediglich eine langweilige bakterielle Infektion. Diese konnte ich in den kommenden Tagen mit Hilfe des (inoffiziellen) Gwyer-Hall-Doktors (ein Medizinstudent, der in einem öffentlichen Krankenhaus arbeitet) und mit Hilfe meiner Eltern über das Telefon auskurieren.


Dharamshala


Nach drei Tagen im Bett war ich schließlich fit für die Klassenfahrt des Soziologiedepartments nach Dharamshala.

"Jai Mata Di" - mit diesem Segensspruch begann abends unsere lange Busreise in den Vorhimalaya. Meine Hand hat intuitiv den Sitzgurt gesucht, der natürlich nicht vorhanden war. Dafür gab es aber jede Menge Unterhaltung: Mit lauter Musik, blauer Innenbeleuchtung, Tanz im Gang, vielen Snacks, Alkohol und guter Stimmung hatte der Bus eigentlich alles, was eine gute Party braucht. Und noch besser - die Party war open end! Da ich noch nicht ganz auskuriert war, bin ich allerdings früh "ins Bett" gegangen.

Im Bus nach Dharamshala

Das Hotel musste zwei Tage vor der Abreise umgebucht werden, weil das erste Hotel spontan dicht gemacht wurde. Die Zimmer waren daher sehr klein, und wir haben zu dritt unter einer Decke im Doppelbett geschlafen.

Highlights der Reise waren ein Wasserfall, das Cricketstadion, eine Wanderung und das Haus von Dalai Lama. Besonders beliebt war der Wasserfall, der nicht weit weg war, zum Baden, obwohl (oder gerade weil) das Wasser sehr frisch war.Der WasserfallBlick vom Wasserfall

Das Cricketstadion haben wir am zweiten Tag besichtigt. Eigentlich ein uninteressanter Ort, bietet das Stadion dennoch eine hervorragende Kulisse für Fotos und war daher beliebter als das Kloster oder die alte anglikanische Kirche, die wir im Anschluss besichtigt haben.Cricketstadion in DharamshalaVicigo


Mein Highlight war jedoch die Wanderung, die uns auf eine Höhe von etwa 2850m führte und eine fabelhafte Aussicht bot. Die ausgedehnte Pause auf dem Bergkamm und ein verletzter Fuß waren der Grund dafür, warum wir erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück zum Hotel kamen.Blick auf den Triund

Am letzten Tag haben wir die Residenz von Dalai Lama von außen sowie das buddhistische Kloster von innen besichtigt. Dalai Lama lebt in Dharamshala mit vielen weiteren Mönchen im Exil. Zufällig durfte ich dort einem Physikprofessor aus Cambridge die Hand schütteln, der eigentlich einen Freund in Jaipur besucht hat.

Die Rückfahrt nach Delhi war etwas erträglicher als die Hinfahrt.


Jim Corbett National Park und Nainital


Da ich mir als Austauschstudent die Regeln selbst erfinde und ich unüblicherweise in drei Fachbereichen gleichzeitig bin, habe ich auch das wunderbare Privileg, an drei Fachbereich-Fahrten teilzunehmen. Daher fahre ich mit dem Philosophiedepartment nach Uttarakhand - noch an dem Tag, als ich aus Dharamshala zurück komme!


Diesmal gibt es einen großen Bus, aber trotzdem ist ein Platz zu wenig. Der Fahrer bzw. das Fahrerteam hat sich schnell unbeliebt gemacht, da es viele Verzögerungen gab: gleich nach dem Start musste getankt werden, zweimal hat der gesamte Bus auf das Team warten müssen, dass gemütlich Omelett isst und Tee trinkt, und mindestens einmal hat sich der Busfahrer verfahren.

Das Fahrerteam bestand aus einem Fahrer und zwei Beifahrern, die die verschiedensten Aufgaben hatten: Gepäck beladen, Reifen wechseln, nach dem Weg fragen, Genehmigungen und Mautgebühren bezahlen, beschlagene Fensterscheibe wischen, beim Tanken helfen, Snacks auf dem Weg einkaufen, dem Fahrer beim Tee an der Highway-Raststätte (ich würde es nicht Autobahn nennen) Gesellschaft leisten, etc.


Für den sehr tropischen Jim Corbett National Park blieb nach den Verspätungen keine Zeit mehr, aber das Resort hatte einen Pool und Tischtennis, sowie einen kleinen Fluss in der Nähe, und so konnte man die Zeit dennoch genießen. Abends wurden Geistergeschichten erzählt.Unser ResortFluss nahe dem Resort


Am zweiten Tag ging es nach Nainital, das erneut im Vorhimalaya liegt, im Gegensatz zu Dharamshala aber einen schönen See hat, auf dem wir eine Tretboottour gemacht haben.

Am dritten Tag wollten wir mit der Seilbahn auf einen Bergkamm fahren, aber leider gab es keine Tickets mehr, also haben wir erneut eine Tretboottour auf dem See gemacht. In Nainital gab es zwar keinen Pool, dafür aber Tischtennis und abends eine kleine DJ-Party.

Nainital

Als ich am Sonntag nach zwei Klassenfahrten, vier Nacht-Busfahrten, fünf Doppelbett-Nächten und viel Programm im Wohnheim ankam, bin ich sofort müde ins Bett gefallen.


Das waren also die ersten zwei Monate: bunt, holprig und abwechslungsreich, wie man es von Indien wohl erwartet. Daran wird sich hoffentlich auch nichts ändern - geplant sind bereits Abenteuer nach Leh in Kaschmir, Rajastan und Goa!


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