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5. Der Raja aus Rajastan.

2015-12-08 Vicigo

Ich bin bereits vier Monate in Indien. Mein Englisch hat sich schon etwas an das Land angepasst (ich sage schon Sätze wie „I have to go to bathroom“, „That I don’t know“ oder „I came back yesterday only“) und ich habe bereits alle Bevölkerungsschichten aus allen Teilen des Subkontinents kennen gelernt: Bettler und Wohlhabende, Dorfbewohner und Städter, Gläubige und Atheisten, Politiker, Musiker und Offiziere, physikalisch und literarisch Begabte, indisch und westlich orientierte Inder. Inder sind sehr interessiert an mir, und immer wenn ich den Universitätscampus verlasse, muss ich für Selfies posieren: beim Red Fort in Old Delhi, am India Gate in New Delhi, sogar im Zoo.

Selbst in der Metro habe ich nicht immer meine Ruhe: Einmal hat mir ein weiterer Passagier ein Gedicht vorgetragen, zur Belustigung des gesamten Abteils. Auch an die indische Pünktlichkeit habe ich mich schon gewöhnt. „Ich bin in fünf Minuten da“ kann heißen: „Ich bin in zehn Minuten da“, „Ich brauche noch fünfzehn Minuten“, oder „Wenn der Verkehr weiter so bleibt, dann brauche ich noch mindestens eine Stunde“. Ich bin nicht mehr überrascht, dass man zu dritt, viert, fünft, sechst auf dem Motorrad fahren kann (den Rekord hat eine siebenköpfige Familie auf dem Motorroller aufgestellt) und ich bin bereits in der Lage, alleine über die Straße zu gehen.

Nicht selten werde ich nach meiner deutschen Vergangenheit gefragt und ermuntert, mehr Stolz zu zeigen. In Indien findet man viele Hitler-Sympathisanten, schließlich steht Hitler für den geliebten Nationalismus per se. "Oh, you are from Germany? There is this famous German, great philosopher. What was his name ... Hitler!" Es herrschen andere Regeln in Indien (und damit meine ich nicht nur den Linksverkehr).Vicigo

Insbesondere habe ich kennen gelernt, dass Politik sehr relevant ist – schließlich befinde ich mich in der Hauptstadt Delhi.

Kürzlich fanden Wahlen im Studentenwohnheim statt. Die Gwyer Hall ist eine Art kleines Indien: da Studenten, die nicht aus Delhi stammen, bevorzugt werden, finden hier Bewohner aus allen Teilen Indiens zusammen. Nicht überraschend ist demnach, dass bei der Wahl der aus Rajasthan stammende Bhana Vishvendra Raj Singh gewonnen hat (den ich bisher nur als Bhanaji Ranawat kannte), der wie der Premierminister Narendra Modi Anhänger der hindu-nationalistischen BJP-Party ist. Bhanaji spricht von der "Saffronisierung" Indiens - Saffron-Orange ist die Farbe der BJP. Der Sieg war eine „Landslide Victory“, und zu diesem Anlass hat der neue Präsident der Gwyer Hall ein „Presidential Dinner“ veranstaltet – zum Unmut der Gegner. Beim Dinner kam es zum Eklat: einer der Gegner (ein ausgezeichneter Badminton-Spieler) hat sich auf den Schlips getreten gefühlt, und die Musik wurde ausgeschaltet, als wilde Anschuldigen und Beleidigungen durch den Raum flogen – ein unterhaltsames Schauspiel für alle Teilnehmenden. Das Essen war ausgezeichnet, und das Dinner war ein voller Erfolg. Die Wohnheimspolitik ist in vollem Gange, und wichtige Entscheidungen wie beispielsweise der Essensplan für die kommenden Wochen wurden bereits heiß diskutiert.

Kurz nach dem Dinner habe ich den Nachtbus nach Ajmer genommen – die erste Station meiner Reise nach Rajasthan. Dort habe ich meine Kamera verloren – von nun an leidet demnach die Qualität der Fotos.

Ich kam morgens todmüde in Ajmer an – alleine, während der weitere Austauschschüler Jens nach erfolgreichem Abschluss des Semesters krank im Bett lag. Bhanaji, der eigentlich auch mitkommen wollte, hat nach der erfolgreichen Wahl keine Zeit für die Reise gehabt. Als Ausländer in Indien bleibt man allerdings nie lange alleine, und schon nach wenigen Sekunden wurde ich am See in Ajmer angesprochen. Den Tag über hat mich ein Priester im orangefarbenen Gewand begleitet, der Teilnehmer eines Hindu-Festivals war. Für seinen Job muss er auf Familie, Kinder, Haus und seine Persönlichkeit verzichten. Zusammen haben wir einen berühmten, überlaufenen Tempel in Ajmer besucht, bevor wir zum Hindu-Festival gingen.

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VicigoDort wurden Reden gehalten (ich verstehe kein Hindi – die einzigen Wörter, die ich heraushören konnte, waren Pakistan und Gandhi) und es gab Verpflegung. Nachmittags wollte ich noch weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt sehen, und drei Jungs vom Festival haben sich bereit erklärt, mir diese zu zeigen. Mit dem Boot war ich auf einer kleinen Insel im See, und von einem weiteren Tempel auf einem der Hügel hatten wir eine herrliche Aussicht, bevor mich die Jungs zum Busbahnhof gebracht haben. Dort ist mir aufgefallen, dass meine Kamera fehlte. Die Jungs waren natürlich schon weg.

Zurück beim Hindu-Festivals war von den Jungs keine Spur mehr. Sowohl der Priester, der gerade beim Meditieren war, als auch die Jugendgruppe hatten die drei nicht mehr gesehen. Nach dem Abendessen mit einem von der Jugendgruppe wollte ich gerade gehen, als die drei Verdächtigen doch noch aufgetaucht sind, vermutlich um ihre Rucksäcke zu holen. Als Weißer und als Gast war ich privilegiert, und die Jugendgruppe wollte mir unbedingt helfen: Der Leiter der Jugendgruppe hat die Verdächtigen eingehend zu den Vorkommnissen befragt, und ich habe meine Version der Ereignisse berichtet. Schließlich wurden die drei einzeln durchsucht und befragt. Dann wurde mir berichtet: die Jungs wurden durchsucht, eingehend befragt, mit dem Stock geschlagen, der Pulsschlag wurde gemessen, und ihnen wurde Folter angedroht (der Leiter der Jugendgruppe sei bei der Polizei). Das Ergebnis war wie folgt: Ich war mir sicher, dass die Jungs die Kamera hatten, die Jungs waren sich sicher, dass sie sie nicht hatten, und die Jugendgruppe hat für mich ihr „Bestes“ gegeben – ohne Erfolg. Bestürzt über die Maßnahmen habe ich gebeten, die Angelegenheit ruhen zu lassen und habe mich bei den Verdächtigen für die Anschuldigungen entschuldigt. Für meine Ehrlichkeit habe ich einen Anstecker bekommen, auf dem „Om“ steht. Der Jugendleiter hat mir ein Gewehr in die Hand gedrückt und wir haben einige Bilder gemacht. Einer der Anwesenden hat seine außergewöhnliche Begabung demonstriert, schreiende Babys und Vogelstimmen unheimlich echt zu imitieren. Danach wurde ich mit dem Motorrad nach Pushkar zum Hotel gefahren. Mit Kopfschmerzen, aber ohne Kamera habe ich mich ins Bett gelegt.Vicigo

In Pushkar findet alljährlich die „Camel-Fair“ statt. Hier werden Kamele und Pferde verkauft, soweit das Auge reicht. Zur Unterhaltung gibt es einen Jahrmarkt und Programm. Zunächst wollte ich jedoch den heiligen See im Zentrum von Pushkar sehen. Hier gibt es viele Touristen, und demnach auch viele Fallen: auf dem Weg zum See wird einem eine Blume in die Hand gedrückt, die man dann vor einem Bramahnen ins Wasser wirft. Dieser murmelt einige Segenssprüche, gibt einem einen Punkt auf die Stirn, und verlangt dann 500 Rupee (etwa 7 Euro) als Spende an Brahma – eine astronomische Summe in Indien. Ob der „Brahmane“ ein Betrüger oder schlichtweg ein sehr guter Priester ist, habe ich leider nicht herausfinden können. Angemessene Spenden (für Inder) sind etwa 50 Rupee (vielleicht auch mehr, wenn man das Glück nötiger hat). Auch in einem Tempel, den ich im Anschluss besichtigt habe, wurden 500 Rupee von mir verlangt. Zum Glück hatte ich das Glück nicht nötig.VicigoVicigo

Gesegnet bin ich weiter zur Camel-Fair geschlendert. Auch hier wurde ich direkt als wandernder Geldbeutel enttarnt: eine Zigeunerfamilie in bunter Tracht hat mich gefragt, ob ich ihnen Tee spendieren könne. Tee ist in Indien relativ billig: 10 Rupee (etwa 14 Cent), manchmal sogar nur 5 Rupee. Beim Tee habe ich erfahren, dass die Familie ihren Unterhalt mit Tanzen (und Betteln) verdient. Chandni, die jüngste Tochter, war gerade mal drei Monate alt und wurde in einem Tuch transportiert, das an einem Stock festgebunden war. Die Mutter hat mir angeboten, dass ich Essen einkaufe, dafür dass sie mir Mittagessen kochen. Ich war tatsächlich begeistert von der Idee. Also habe ich Weizen, Öl, Linsen, Tee und Zucker eingekauft.

Vor dem Zelt der Zigeuner haben mich ein halbes Dutzend Kinder begrüßt. Die jüngsten Kinder waren nackt. Mit musikalischer Begleitung von zwei weiteren Zigeunern mit ulkigen Instrumenten hat mir eine der Töchter einen Tanz vorgeführt. Währenddessen gab es Tee. Danach hat mir die Mutter Chapatis (Brotfladen) mit Gemüse zubereitet. Für den Nachmittag habe ich mich mit 100 Rupee bedankt.VicigoVicigo

Abends habe ich mich auf dem Jahrmarkt vergnügt. Das Riesenrad lief so schnell, dass man oben die Schwerelosigkeit gefühlt hat. Auch das Kettenkarussell war eine Erfahrung wert. Atemberaubend waren schließlich fünf Artisten, die vertikal in einer großen Holzschüssel mit drei Motorrädern und zwei Autos waghalsige Stunts gezeigt haben – das alles natürlich ohne Helm.Vicigo

Am nächsten Tag bin ich weiter nach Jodhpur gefahren. Die Fahrt war sehr ungemütlich: einen Teil der Strecke habe ich im Gepäckabteil des überfüllten Zuges zurückgelegt.Vicigo

Um seine Abwesenheit wieder gut zu machen hat Bhanaji seine zwei Cousins aus Jodhpur beauftragt, mir die Stadt zu zeigen. Im Jeep sind wir zur berühmten „blue city“, der Altstadt Jodhpurs mit den blauen Häusern, sowie zu einem Park mit antiken Schreinen gefahren. Einmal wurden wir an einer Kreuzung von einem Polizisten wegen einer Verkehrswidrigkeit angehalten. Der Polizist hat seinen Notizblock aufgemacht, aber dann gleich wieder zugemacht als er das königliche Zeichen über dem Nummernschild gesehen hat. Besonders beeindruckend waren das gut erhaltene herrschaftliche Fort sowie der erst 1956 fertiggestellte Palast des Maharajas – einer der größten Paläste der Welt. Der eine Teil des Palastes wird noch heute vom Maharaja bewohnt.

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VicigoVicigoVicigoAm darauffolgenden Tag habe ich meine erste indische Hochzeit gesehen. Die Hochzeit glich mit etwa 1500 Gästen eher einer Großveranstaltung vergleichbar mit dem Weihnachtsmarkt in Heidelberg als einer deutschen Hochzeit. Eine Hochzeit zieht sich über viele Tage hin, und an diesem Tag fand nur der Empfang statt.

Mit dem Nachtzug bin ich mit zwei sehr englischen Engländern, die ich im Hostel kennen gelernt habe, weiter nach Jaisalmer gefahren. Dort war eigentlich alles ganz einfach: „Life is jiggy jiggy, life is mamma mia, life is ‚Hello?‘“. Die Stadt ist eine der größten Wüstenstädte weltweit und lebt vom Tourismus und der Militärbasis, die durch die Nähe zu Pakistan erforderlich ist. Kronjuwel von Jaisalmer ist das märchenhafte Fort, in welchem sich die Altstadt befindet.Vicigo

Kein Tourist, der Jaisalmer besucht, lässt sich eine Kamelsafari in die Sanddünen entgehen. So wurden die zwei Engländer und ich mit dem Jeep in die Wüste gefahren, wo bereits Kamele auf uns gewartet haben. Ein Ritt auf den Kamelen ist etwas gewöhnungsbedürftig und tut ganz schön weh, weil man keine Steigbügel hat. Unter einem Baum haben wir schließlich unsere Mittagspause eingelegt. Während die zwei Begleiter in der Sonne das Essen mit einem Holzfeuer zubereitet haben, haben wir Karten gespielt. Nach der Pause sind wir noch etwa eine weitere Stunde zu den Sanddünen geritten. Nach dem Sonnenuntergang hinter den Dünen haben wir die Biere aufgemacht und am Lagerfeuer gegessen und getrunken. „No hurry, no worry, no chicken, no curry!“ Unter dem Sternenhimmel haben wir uns schließlich schlafen gelegt.VicigoVicigoVicigo

Mit den Kamelen sind wir am nächsten Morgen aus der Wüste zurück in die Zivilisation geritten. In Jaisalmer habe ich mich von den anderen verabschiedet. Im Zug nach Jodhpur habe ich einen IT-Studenten getroffen, der mich am nächsten Tag zu sich nach Hause einlud. Abends habe ich schließlich den Nachtzug zurück nach Delhi genommen.


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