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4. Bei den Sikhs.

2015-12-07 Vicigo

Es ist November, der Winter kommt. Tagsüber bleibt es warm, aber die Nächte werden kälter. Hin und wieder zieht Nebel auf. Der Dicke, der den Nachtisch austeilt, trägt jetzt anstatt Unterhemd T-Shirt und Pulli, und derjenige, der die Butter auf die Chapattis schmiert, geht nur noch mit Mütze aus dem Haus. Die Dusche wird jeden Tag kälter.

In dieser Zeit wird in Indien alljährlich „Diwali“ gefeiert, das Lichterfest. Diwali ist eine Mischung aus Weihnachten und Sylvester und findet einen Monat zu früh statt. Schon Wochen vorher werden Lichterketten aufgehangen, aber der Höhepunkt der Festlichkeiten ist das Böllern. Die ersten Knalls hat man schon Wochen vorher gehört, und es wurden jeden Tag mehr. Die Anzahl der Knalls glich einer Poisson-Verteilung mit Diwali als Maximum.

Um das Geböller in der Großstadt zu vermeiden bin ich mit Christian – ein Ex-Austauschschüler aus dem vorherigen Jahr, hier nur bekannt als "monkey-hunter" – zu Habarjan nach Jammu gefahren. Habarjan Singh ist, wie viele weitere in Jammu, ein Sikh, der auch bei uns in der Gwyer Hall wohnt und mit dem ich öfters joggen gehe. Religiöse Sikhs erkennt man daran, dass sie lange Bärte und langes Haar haben. Der Glaube verbietet es, sich die Haare zu schneiden, und das meterlange Haar wird daher auf dem Kopf zu einem Knäuel zusammengebunden und mit einer Haube bedeckt.Vicigo

In Indien gibt es das Sprichwort: „Guest is God“, und so wurden wir in Jammu von den Schwestern von Habarjan verwöhnt, die direkt bei der Ankunft Saft und Kekse vorbeigebracht haben. Die Konversation mit den Eltern und den Schwestern lief etwas holperig, da ich (leider immer noch) kein Hindi kann. Am zweiten Tag haben wir einen berühmten Tempel in der „Stadt der Tempel“ angeschaut. Christian ist konvertierter Hindu – ein Relikt seines Indologie-Studiums – und hat vielleicht einen etwas irreführenden Namen. Nachmittags waren wir einkaufen: Böller (groß und klein), Raketen, Vulkane, Kreisel, und viele weitere lichtbringende Gegenstände. Bevor wir mit dem Spaß angefangen haben, haben wir das Haus mit Teelichtern dekoriert und süßes Gebäck gegessen: Jalebi und Marzipan, das Christian als Gastgeschenk mitgebracht hat.

Böller haben in Indien andere Sicherheitsauflagen als in Deutschland, und man musste extrem vorsichtig sein: die großen Böller haben einem die Ohren weggepustet, und die kleinen Böller sind nach unterschiedlichen Zeiten – meistens bereits in der Luft – explodiert (den Rekord hat Christian aufgestellt, dessen Böller zwei Meter vor uns in der Luft explodierte). Einige der Raketen hatten keine Wartezeiten, und zwei der Raketen haben es gar nicht erst in den Himmel geschafft. Die Kreisel sind wie Feuerräder über den Boden gerast, während der Vulkan in einem lauten Knall explodiert ist. Wie auch an Weihnachten ist an Diwali ein Wunder geschehen: das wir alle noch am Leben sind!

Am darauffolgenden Tag haben wir uns einen Sikh-Tempel (Gurudwara) in der benachbarten Stadt sowie die Grenze zu Pakistan angeschaut. Die Grenze ist heftig umstritten und wöchentlich kommt es zu tödlichen Zwischenfällen entlang der Grenze. Abends sind wir mit der Tante nach Mahore, einem Dorf in den Himalayas, gefahren, die uns zu sich eingeladen hat. Die Tante wohnt in einem Schulgebäude, das zurzeit renoviert wird. Der Mann, politisch aktiv, hat in den letzten Wahlen verloren. Am Morgen haben uns die Lehrer begeistert das Dorf gezeigt – Ausländer sind in dieser entlegenen Provinz sehr selten. Die Cousine hat versucht, mir einige Sätze auf Hindi beizubringen. In der restlichen Zeit haben wir uns einen Cricketball zugeworfen: wie fast alle Inder war sie sehr fanatisch, wenn es um Cricket ging.VicigoVicigo

Mittags stand plötzlich schon unser Abendessen vor der Tür: ein stolzer Hahn, Beine zusammengebunden. Leider habe ich die Schlachtung verpasst, weil ich kurz wandern war. Ich bin zwar Vegetarier, aber andererseits wollte ich auch ein guter Gast sein, und so habe ich ein sehr leckeres und proteinhaltiges Abendessen genossen. Am nächsten Morgen sind wir zurück nach Jammu gefahren. Dort habe ich mich von Christian und Habarjan verabschiedet, um meine Reise nach Amritsar im Punjab fortzusetzen.

Amritsar ist berühmt für den goldenen Tempel (das Mekka der Sikhs), das Massaker von Amritsar und die nicht weit entfernte Wagah-Grenze zu Pakistan (hier etwas weniger umstritten), bei der alltäglich eine kostenlose Zeremonie abgehalten wird.

Ich kam abends in Amritsar an, müde, hungrig und mit Bauchschmerzen. Mein erstes Ziel war der goldene Tempel. Ich hatte gehört, dass es hier durchgehend und kostenlos Essen gibt, sowie ebenso kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten. Auf der Suche habe ich versehentlich ein geheimes Frauenschwimmbad entdeckt. Ein Wächter hat mich gleich darauf zurechtgewiesen. Generell habe ich mich im Tempel unmöglich benommen, und wurde wohl mindestens fünfmal von Wächtern zurechtgewiesen: einmal wollte ich die Schuhe mit in den Tempel nehmen („Du willst doch nicht etwa die dreckigen Schuhe in den heiligen Tempel tragen?“), ein anderes Mal habe ich die Schuhe nicht ausgezogen, als ich mein Gepäck im Gepäckraum abgeben wollte (der Raum befand sich bereits im Tempel). Etwas muss es mit den Schuhen auf sich haben: Als ich die Schuhe das erste Mal wieder abgeholt habe, waren diese nicht, wie gewohnt, dreckig und staubig, sondern wie neu und glänzend: jemand muss die Schuhe in der Ablage geputzt und poliert haben!Vicigo

Hier vielleicht noch einige Worte zum goldenen Tempel: Der Tempel ist ähnlich dem Vatikan das Zentrum der Sikhs, und die Geschichte des Temples ist direkt mit einigen der Gurus (sikhistische Päpste) verknüpft. Der eigentliche goldene Tempel im Inneren des Komplexes befindet sich in einem großen, heiligen Wasserbecken, indem geschwommen wird. Jeder Sikh soll den Tempel mindestens einmal im Leben sehen. In die Schlagzeilen kam der Tempel 1984, als der Sikh-Anführer Bhindranwale einen eigenen Staat ausrufen ließ – Khalistan – und sich im Tempel zusammen mit einer Sikh-Armee verschanzte. Der Tempel wurde gewaltsam von der indischen Armee gestürmt, und hunderte Soldaten und tausende Sikhs verloren dabei ihr Leben (Operation „Blue Star“). Ein halbes Jahr später wurde daraufhin die amtierende Premierministerin Indira Gandhi von zwei ihrer Sikh-Bodyguards ermordet – die ältere Leserschaft dürfte sich vielleicht noch an den Vorfall erinnern.

Mittags habe ich den Platz des Massakers von Amritsar besichtigt, der einen Meilenstein in der Unabhängigkeitsbewegung Indiens darstellt. Im Jahre 1919 hat hier der General Dyer der britischen Armee tausende wehrlose Menschen erschossen, nachdem sich diese trotz Versammlungsverbot zu einem religiösen Fest trafen. Es gibt nur wenige enge Zugangsstraßen zu dem Platz, und Dyer hat gezielt auf die Ausgänge schießen lassen, bis die Munition ausging. Im zweiten Weltkrieg hat Hitler das Massaker als Propaganda gegen England missbraucht.

Nachmittags bin ich zur Wagah-Grenze gefahren. Im Radio wurde Punjabi-Musik gespielt. Die Grenzzeremonie findet jeden Tag vor Sonnenuntergang statt: Die Tore nach Pakistan werden geöffnet, und Soldaten mit großen Helmen marschieren feierlich aufeinander zu. Dabei wird laute Musik gespielt, und Inder und Pakistanis feuern ihre Soldaten zu tausenden wie Fans im Stadion an: „Hindustan Zindabad!“ – „Lang lebe Indien!“. Die Zeremonie wirkt wie eine Karikatur der Streitigkeiten zwischen den zwei Ländern, die einst eines waren. Als Ausländer durfte ich bei dem Schauspiel ganz weit vorne sitzen.Vicigo

Mit dem Nachtbus bin ich abends wieder zurück nach Delhi gefahren.


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