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10. Amüsante Affären in den Zeitungen.

2016-04-27 Vicigo

Im März hat Guru Sri Sri Ravi Shankar, ein spiritueller Führer und Gründer der „Art of Living Foundation“ ein gewaltiges Festival am Ufer des Flusses Yamuna im Zentrum Delhis organisieren lassen, das dreitägige „World Culture Festival“. Auf dem Programm waren Reden namhafter Sprecher, unter ihnen Prime Minister Narendra Modi, sowie 36000 Künstler aus aller Welt, die auf der riesigen Bühne tanzen, spielen und singen sollten. Es wurden über 3.5 Millionen Besucher erwartet. Der Eintritt war umsonst.

Etwa zwei Wochen vor dem Start geriet das Festival in die Schlagzeilen: Umweltschützer befürchteten, dass die große Besucheranzahl das fragile Ökosystem des Ufers dauerhaft schädigen könne, und haben das „National Green Tribunal“ gebeten, das Event zu verbieten. Das weite Flussufer des Yamunas ist weitgehend unbebaut und wird ausschließlich landwirtschaftlich genutzt. Nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt leben hier Bauern in Lehmhütten unter primitiven Bedingungen.

Das National Green Tribunal hat schließlich die Entscheidung der Delhi Development Authority in Frage gestellt, das Großevent zu genehmigen. In Indien passiert vieles gerne mal auf den letzten Drücker, und erst am Donnerstag, einem Tag vor dem Festival, hat das National Green Tribunal grünes Licht gegeben, vorausgesetzt, der Guru zahle eine Entschädigung von 5 crore Rupees (etwa 700 000 Euro, ein crore ist 10 Millionen) noch vor Beginn des Festivals, ansonsten drohe ihm eine Haftstrafe. Der Guru ließ sich von dem Säbelrasseln nicht einschüchtern: „I would rather go to jail than pay the fine.“ Guru Sri Sri Ravi Shankar aus Bangalore gilt als eine der einflussreichsten Personen Indiens und steht dem Prime Minister Modi sehr nahe.

Am Freitag haben Modi und Ravi Shankar das Festival mit einer Meditation eröffnet. Und als ob sich die Natur am Guru rächen wollte, zog ein Unwetter herauf, das alles und jeden durchnässte. Seit September hatte es kaum geregnet. Als ich am Samstag zu dem Festival ging, war es kalt, der Boden war trotz Teppichrollen matschig, und mit riesigen unumgehbaren Wasserpfützen bestückt. Die wenigen Toiletten waren nicht für feine Nasen.

Über eine große Fläche standen Plastikstühle, die auf die Bühne gerichtet waren. Die vorderen Plätze waren reserviert. Hinter der Bühne war eine Tribüne, ähnlich groß wie im Stadion, auf denen die Gurus in weißen Gewändern saßen und auf das Publikum blickten.

Inder sind sehr stolz auf ihr Land, insbesondere auf ihre Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Kulturen. Inoffizieller Hintergrund des Festivals war es, Aufgeschlossenheits-Weltmeister zu werden. Und so sprach Ravi Shankar von der Vielfalt der Kulturen und von der Notwendigkeit, Kulturen gegenseitig anzuerkennen und gemeinsam zu feiern. Nachdem ich dem Programm etwa zwei Stunden gefolgt hatte, hat es angefangen zu regnen. Als der Regen heftiger wurde, wurden Plastikstühle zu Regenschirmen, und die Polizisten verschwanden unter Werbeplanen neben ihren Sitzen. Während die Gurus die Tribüne räumten, leerte sich das Publikum.

Bei dem Chaos gelang es mir, bis direkt vor die Bühne zu gehen. Auch als fast keiner mehr auf die Bühne schaute, ging das Programm weiter – „The Show must go on!“ Die Zeitungen kritisierten die Organisation des Festivals scharf. Auch zwei Monate später ist Sri Sri Ravi Shankar weiterhin in der Kritik, als dieser behauptete, ihm wurde der Friedens-Nobelpreis angeboten, er habe aber abgelehnt, weil er nur an seine Arbeit glaube, nicht aber an Ehrungen. Gleichzeitig hatte er die Vergabe des Friedens-Nobelpreises an die sechzehnjährige Pakistanerin (!) scharf kritisiert: „I am totally against honouring Malala Yousafzai with the prize and it is of no use.“ Jemand twitterte mit viel Sarkasmus, dass Ravi Shankar anstelle des Nobelpreises ein weiteres „Sri“ in seinen Namen aufnehmen werde - Sri ist eine hoheitsvolle Anrede für Menschen, Götter und heilige Bücher.

Zur selben Zeit war ein weiterer Sohn Bangalores und Sympathisant Ravi Shankars in den Schlagzeilen: der „Liquor Baron“ Vijay Mallya, auch Playboy des Ostens oder "King of Good Times" genannt, der das Unternehmen der Biermarke „Kingfisher“ bis 2015 geleitet hat. Diese hatte 2005 eine Airline gegründet, „Kingfisher Airlines“, die nun vor der Insolvenz steht. Man geht davon aus, dass Mallya Schulden in Höhe von 1.4 Milliarden US-Dollar habe. „Unabhängig“ davon ist Mallya vor kurzem nach London gereist, um seinen Sohn zu besuchen. "I did not flee from India and neither am I an absconder. Rubbish."

Einige Wochen später wurde ihm der Reisepass annulliert. Mallyas Antwort: "By taking my passport or arresting me, they are not getting any money." Mallya behauptet, er würde gerne nach Indien zurückkehren und die Schulden mit den Banken klären. Es ist davon auszugehen, dass Mallya nicht wieder nach Indien zurückkehrt.

Auch der kurzfristig inhaftierte linke Studentenführer der Jawaharlal Nehru Universität, Kanhaiya Kumar, ist weiterhin im Visier der Opposition: “We know that Kanhaiya Kumar is pursuing his doctorate from JNU and he is threatening to break the nation to pieces. How can a person like him serve the patients who will approach him after he becomes a doctor?” Als dem Oppositionellen erwidert wurde, dass Kumar Literatur, und nicht Medizin studiere, entgegnete dieser stur: “So? He will become a doctor anyway and patients will approach him.”

Zur Vollständigkeit sei hier die Affäre um eine weitere berüchtigte Berühmtheit, die ehemalige TV-Geschäftsführerin Indrani Mukerjea, genannt. Ihr erstes Kind Sheena Bora, das sie mit ihrem ersten Ehemann hatte und als ihre Schwester ausgab, hatte ein Verhältnis mit dem Sohn erster Ehe ihres dritten Mannes. Daraufhin hat sie ihr/e Kind/Schwester zusammen mit ihrem zweiten Ehemann umgebracht und allen weisgemacht, dass ihr/e Kind/Schwester zum Studieren nach Amerika gegangen sei. Erst drei Jahre später, 2015, kam die Wahrheit ans Licht, als der in den Komplott verwickelte Fahrer wegen einer ganz anderen Sache abgehört wurde. Indranis Leben ist nicht nur Unterhaltung nach dem Vorbild einer griechischen Tragödie, sondern wirft auch einen Schatten auf die Abgründe in der Gesellschaft der Reichen in Indien.


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