Vicigo logo

6. Ab in den Süden (Teil 2).

2016-04-10 Vicigo

Erschöpft kamen wir in Goa an. Nach einem ungewohnt günstigen Bier mit anderen Reisenden konnte ich besonders gut einschlafen.

Goa war einst eine portugiesische Kolonie und ist wichtig für den Handel gewesen. Noch heute gelten gesonderte Regeln – beispielsweise gibt es keine Steuer auf Alkohol (oder nur eine geringe). Bei den Jugendlichen ist Goa als billiges Partyparadies bekannt, aber auch Erwachsene fühlen sich hier wohl unter den vielen Palmen der traumhaften Strände.

Den ersten Tag habe ich am Strand verbracht. In einem Strandrestaurant habe ich einen Engländer kennen gelernt, der professionell Internetpoker spielt und halbjährlich in Goa lebt. Zwei Kühe am Strand haben nicht so ganz in die Umgebung gepasst. Mittags habe ich den Bus nach Anjuna genommen. Ich musste dreimal umsteigen um aus dem ruhigen Süden in den partyreichen Norden Goas zu kommen. Der Norden ist in der Hand der russischen Mafia, die mit Clubs und Drogenhandel ein gutes Geschäft macht. Parties beginnen in der Regel erst ab 1 Uhr (in Delhi schließen die Clubs um 1 Uhr) und enden nicht. In den Clubs am Strand läuft der für Goa bekannte Psychodelic Trance sowie Techno, während die Russenhochburg Club Cubana Hip Hop und House auflegt.

An Heiligabend hat das Hostel für die vielen europäischen Besucher ein Weihnachtsessen veranstaltet. Auch wenn Goa überwiegend christlich ist, war von Weihnachten bisher nicht viel zu sehen: zweimal habe ich eine Weihnachtsmelodie spielen hören, während einige Weihnachtsmannmützen in den Touristenständen verkauft wurden. Zur Feier des Tages gab es sogar Wein – mein erster Wein in Indien. Am Weihnachtsfeiertag war Vollmond. Wir haben die ganze Nacht unter freiem Himmel gefeiert, während der sich im Meer spiegelnde Mond über die Party glitt.

Mein nächstes Ziel war Panjim, die Landeshauptstadt Goas. Panjim, mit seinen kleinen blumenreichen Gassen und prächtigen katholischen Kirchen, hat ganz das Flair einer portugiesischen Hafenstadt. In den Restaurants habe ich stets Fisch und Wein bestellt. Die Stadt lässt sich am besten mit dem Fahrrad erkunden. Eine weitere Spezialität Panjims sind einige riesige Kasinoschiffe, die das Spielverbot geschickt umfahren.

Der Jahresabschluss wird in Goa alljährlich von dem Sunburn-Festival gekrönt. Das Festival gilt als das größte Musikfestival Asiens, bei dem Größen der EDM-Szene wie Seth Troxler, Dimitri Vegas & Like Mike und David Guetta auflegen. Zeitgleich fand das VH1-Festival statt, bei dem dieses Jahr Zedd spielte. Die 40 Kilometer zum Festival habe ich mit dem Motorroller zurückgelegt.

Das Festival startete zwei Stunden zu spät, endete dafür jedoch pünktlich um zehn (aus Rücksicht auf Anwohner). Ansonsten glich das Festival herkömmlichen europäischen Musik-Festivals. Ganz so groß war das Festival dann allerdings doch nicht: gleich zweimal habe ich bekannte Gesichter wiedererkannt. Von den großen Musikstars hat am ersten Tag leider noch keiner aufgelegt.

Mit dem Stadtbus kann man von Panjim aus die heruntergekommene Stadt „Old Goa“ erreichen. Die einstige Hauptstadt der Kolonie „Portugiesisch-Indien“ besteht heute nur noch aus einigen beeindruckenden Kirchen, die renoviert und in guter Verfassung sind, sowie einem Museum zur Geschichte Goas.

Am nächsten Tag habe ich den Nachtbus nach Mumbai genommen. Der Busfahrer hat mich in Borivali rausgelassen – gut 33 Kilometer vom „Hotel Windsor“ entfernt, das ich für die nächsten drei Nächte gebucht habe. Nach einem südindischen Frühstück habe ich die S-Bahn, die in Mumbai der Metro entspricht, zur wunderschönen Victoria Station genommen. Einmal musste ich umsteigen. Da ich keine Lautsprecheransagen hören konnte, habe ich zu spät gemerkt, dass ich aussteigen muss. Der Zug war bereits angefahren als ich aus der Tür sprang. Nach der Landung auf dem Bahnsteig bin ich in einen weiteren Passagier reingerannt, der meinen Impuls abgefangen hat. Aber ich war tatsächlich an der richtigen Station.

Mumbai ist – anders als Delhi – eine Weltstadt. Insbesondere der südliche Zipfel der Halbinsel gleicht einer europäischen Großstadt. Durch die Nähe zum Meer ist die Luft deutlich besser als im staubigen Delhi. Rote Doppeldeckerbusse gehören zum Stadtbild ebenso wie schwarz-gelbe Taxis. Rickshaws sieht man selten. Enorm große Wolkenkratzer sind über die ganze Stadt verteilt. Abends habe ich den Sonnenuntergang über dem Meer vom prächtigen „Marine Drive“ aus verfolgt.

Im Hotel habe ich mich mit einem Niederländer getroffen, den ich in Panjim kennengelernt hatte. Zusammen haben wir am darauffolgenden Tag an einer Tour durch den Dharavi-Slum teilgenommen. (Bilder sollten wir keine machen.) Auf etwas über 2 Quadratkilometern leben bis zu einer Millionen Menschen. Slum ist nicht gleichzusetzen mit Armut – im Dharavi-Slum gibt es ein buntes Wirtschaftsleben. Wir haben unter anderem gesehen, wie Plastik- und Metall-Müll wiederverwertet wird, und haben eine Gerberei im muslimischen Viertel sowie eine Töpferei im Gujarati-Viertel besichtigt. Einige der Arbeiter leben an ihrem Arbeitsplatz, um die Maschinen zu bewachen. Viele Arbeiter sind nur Gastarbeiter. Der Arbeitsschutz ist mit dem deutschen nicht zu vergleichen.

In den Wohnvierteln des Slums wohnen auch besser Situierte, die außerhalb des Slums arbeiten. Einige Bereiche des Slums haben sich nicht großartig von Teilen Delhis unterschieden. Nachmittags haben wir das Dhobi Ghat Viertel besichtigt, ein Slum, das für die Wäsche zuständig ist. Einige Kinder haben uns durch den Slum geführt.

Es war Sylvester. Mit einer Gruppe von Reisenden sind wir zum Vorglühen in das berühmte Bar „Leopold‘s Café“ in Colaba gegangen, die auch ein wichtiger Schauplatz des Klassikers „Shantaram“ ist. In diesem Buch – ein Must-Read für jeden Indienreisenden - erzählt der Verbrecher und Heroinabhängige Gregory Roberts seine unglaubliche Geschichte von seinem Ausbruch aus einem Gefängnis in Australien und seine weiteren Erlebnisse in Mumbai, wo er schließlich untertaucht. In dieser Bar lernt Roberts das organisierte Verbrechen in Mumbai kennen – Drogen- und Waffenschmuggel aus Afghanistan nach Indien. Das Buch spielt in den 80ern, zur Zeit der Sikh-Aufstände in Punjab und der Moslem-Aufstände in Kashmir. Leopold’s Café war 2008 neben der wunderschönen Victoria Station und dem berühmten Taj Mahal Hotel als Touristenmagnet eines der Ziele von Terroranschlägen mit 166 Toten. Terroranschläge haben eine lange Tradition in Bombay/Mumbai. Bereits 1993 war Bombay Ziel einer verheerenden Autobombenserie mit 257 Toten. Der Anschlag war eine Reaktion auf die Zerstörung einer Moschee Ayodhya durch Hindus (mehr hierzu im nächsten Blog). 2006 wurden Bomben in der S-Bahn gezündet – 209 Tote. Der letzte Terroranschlag war 2011, bei dem nur 26 Menschen starben.

Nach diesem historischen Start in die Sylvesternacht sind wir in eine billigere Bar gefahren, um unseren Pegel signifikant zu heben. Letzter Stopp der Nacht war ein Club, zu dem wir mit zwei Taxis fahren mussten. Nur ein Taxi kam an, das andere Taxi hatte sich verfahren. Der Niederländer und ich wollten schonmal vorgehen, schließlich gab es im Club Freigetränke die ganze Nacht. Für Paare war der Eintritt ermäßigt. Glücklicherweise haben wir drei Niederländerinnen vor dem Eingang gefunden!

Am nächsten Tag stand Sightseeing auf dem Programm. Sehenswert ist das „Gateway of India“, das die letzten Soldaten Großbritanniens 1948 symbolisch durchschritten haben, sowie die Lobby des Taj Mahal Hotels.

Abends habe ich einige wohlgenährte Amerikaner kennen gelernt, deren Religiösität kaum zu übersehen waren. Nach nur wenigen Tagen hatten diese bereits engen Kontakt zum hiesigen  „YMCA“ Club. Einmal habe ich mich der Gruppe angeschlossen. Mit dem Taxi sind wir in den Norden der Stadt zum YMCA gefahren, um von dort zu einem unscheinbaren Wohnblock mit Innenhof zu laufen. In einer kleinen Wohnung im dritten Stock – kleiner als mein Zimmer im Studentenwohnheim – hat der Hausbesitzer einen Gottesdienst mit etwa 30 Gästen abgehalten, bei dem auch die Amerikaner mitgewirkt haben. Zur Feier des Tages gab es sogar Cola, südindisches Essen und Nusskuchen.

Den letzten Tag der Reise habe ich dazu genutzt, ziellos durch die Stadt zu schlendern. Dabei habe ich auch „Antilla“ gesehen, das teuerste Haus der Welt und gleichzeitig ein Denkmal für die Schere zwischen arm und reich in Indien.

Abends bin ich in den Zug nach Delhi gestiegen. Die Zugfahrt dauerte über 21 Stunden. In Delhi hat der Winter auf mich gewartet…


Images from stephango

Vicigo - explore the world of hashtags