Vicigo logo

6. Ab in den Süden (Teil 1).

2015-12-08 Vicigo

Nachdem ich das letzte Semester unter höchsten akademischen Anstrengungen abgeschlossen hatte (siehe Blog 3-5) war ich wieder in Reiselaune. Um den fallenden Temperaturen im Norden Indiens zu entkommen und eine neue Kultur und Küche kennenzulernen, bin ich hierfür in den Süden Indiens geflogen – nach Bangalore (oder Bengaluru oder Bengal – jede Stadt im Süden Indiens hat mindestens zwei, wenn nicht sogar drei, vier, fünf Namen).

Noch erschöpft und müde vom viel zu kurzen Schlaf bin ich mit dem Bus vom Flughafen in die Innenstadt gefahren. Der erste Eindruck war überwältigend: Luxusapartments säumten die Straße, internationale Großkonzerne waren allgegenwärtig, und die Stadt war derart sauber und modern, dass ich mir zunächst nicht ganz sicher war, ob ich noch in Indien bin. Allein das nervige Hupkonzert der völlig überfüllten Straßen hat darauf hingewiesen, dass es sich um eine indische Großstadt handelt. Grund für das Verkehrschaos ist der „cultural lag“: die Gehälter und damit auch das Verkehrsaufkommen steigen, während sich die Metro noch im Bau befindet.

Die Stadt hat kulturell nicht sonderlich viel zu bieten: sehenswert sind die Parks und Museen (insbesondere die National Gallery of Art) sowie ein Palast, der gänzlich im Tudorstil erbaut worden ist. Nachts haben die anderen Backpacker des Hostels und ich zusammen mit dem Geschäftsführer des Hostels Bangalores Nightlife erkundet, bei westlichem Standard und westlichen Preisen.

Am Sonntagabend habe ich mir schließlich eine Lebensmittelvergiftung zugezogen. Nach viermaligem Erbrechen war mein Magen gerädert, und die gesamte folgende Woche musste ich auf schwerverdauliches Essen verzichten – ein tragischer Sachverhalt der mir die Freiheit genommen hat, die südindische Küche mit geschlossenen Augen zu probieren. Als ich mich am Montag mit Sachin getroffen habe, ein IT-Absolvent, den ich im Zug nach Jodhpur kennengelernt habe, habe ich nur gesalzenen Reis gegessen. Den Kaffee – in Bangalore beliebter als Tee - musste ich zur Seite stellen.

Am letzten Tag in Bangalore habe ich mir schließlich eine neue Kamera gekauft – von jetzt an wird die Bildqualität wieder besser!

Reisende im Hostel haben mir von einer sagenumwobenen Ruinenstadt berichtet, einst eine prächtige Metropole und Zentrum des Königreiches von Vijayanagara, in dessen größtem Tempel ein Elefant wohnt, und einem Fluss, der die alte Stadt von einem Dorf trennt und über den man nur mit einem Boot fahren kann. Der Ort gilt als Geburtsort des Affengottes Hanuman – wie sonst ließen sich die zahlreichen meterhohen Steinbrocken erklären, die die Landschaft zieren?

Meinen eigentlichen, ungeformten Plan, nach Kerala zu fahren, habe ich über Bord geworfen, und habe den Nachtzug nach Hampi genommen. Morgens ist ein schönes Mädchen klatschend durch den Zug spaziert und hat Geld eingesammelt. Ich stand perplex da, als sie auch mich angeklatscht hat. Später habe ich erfahren, dass sie eigentlich ein Transvestit war und er mit dem Klatschen gewarnt hat, jemanden anzufassen. Viele Hindus befürchten, dass es Unheil bringt, von einem Transvestit berührt zu werden, und zahlen gerne.

Als ich am Fluss auf das Boot gewartet habe, ist der Tempelelefant Lakshmi gerade ins Wasser gewatet, wo er jeden Morgen um acht sein Bad bekommt.

Auf der anderen Flussseite hat es nur eine Straße, und so hatte ich keine Probleme, das Hostel zu finden. Dort stieß ich auf eine absurde Mischung aus Hipster-Hippies mit prächtigen Bärten, Freeclimbern mit tadellosen Oberkörpern, und Kulturtouristen mit monströsen Kameras.

Für umgerechnet zwei Euro die Nacht habe ich eine Matratze mit Moskitonetz auf dem Dach bekommen. In einer großen Holzhütte befand sich das Restaurant, wo man die weiteren Bewohner des Hostels kennenlernen konnte. Die italienische Steinofenpizza war ausgezeichnet. Gleich am ersten Morgen habe ich einen Amerikaner wiedererkannt, den ich bereits in Rajasthan getroffen habe – europäische Touristen laufen sich in Indien ständig über den Weg. Ein enorm großer Hund hat das Gelände bewacht.

„Don’t worry, be Hampi“, heißt es in einem alten Sprichwort, und so habe ich die Tage in Hampi sehr ruhig angehen lassen.

Die Straße auf unserer Flussinsel war touristisch geprägt: überall gab es Klopapier und Shampoo zu kaufen, sowie Kaffee und Kuchen in den „German Bakerys“ und israelische Gerichte in den alternativen Restaurants. Alkohol wird unter der Ladentheke verkauft.

Abends sind wir auf den Hügel zum sogenannten „Sunset-Point“ gewandert, von dem aus die Hippies täglich den Sonnenuntergang mit Gitarre besingen. Gespielt wurden Hits vergangener Zeiten – des „Sommers der Liebe“.

Die alte Ruinenstadt habe ich zusammen mit drei Iren besichtigt. Die Tempel werden heutzutage (neben dem Elefanten) von zahlreichen Schulklassen bevölkert, und wir mussten dutzende „Selfies“ über uns ergehen lassen – Kinder von den Dörfern sehen Hellhäutige nicht sehr oft. Einmal wollten sogar drei Lehrerinnen ein Foto mit uns. Besonders schwer hat es Katie getroffen, die relativ groß und kahl weiß ist. Eine ähnliche Aufmerksamkeit erfuhr Lakshmi. Legt man dem heiligen Elefanten einige Rupien in den Rüssel, wird man von ihm gesegnet, indem er einem mit dem Rüssel über den Kopf streicht. Weiterer Höhepunkt der Tempelanlage ist ein Loch in einer Wand, das den Hauptturm auf der gegenüberliegenden Wandseite abbildet – eine Kamera Obscura!

Die Mittagshitze in der Stadt aus Stein war unerträglich, und wir mussten unseren Kulturmarathon auf die folgenden Tage verschieben. Auf der anderen Seite haben wir uns schließlich den Freeclimbern (genauer: den Boulderern) angeschlossen, die die gewaltigen und zahlreichen Steinblöcke in der Gegend bestiegen, indem wir einen Anfängerkurs gebucht haben. Zum Bouldern braucht man Matratzen, falls man fällt, unbequeme Spezialschuhe und viel Hornhaut auf den Fingern. „No pain, no gain“, galt hier.

Mit dem Moped bin ich in den darauffolgenden Tagen zu einem Affentempel (ja, auch Affen sind heilig) auf einem Berg mit grandioser Aussicht sowie einem zauberhaften See gefahren. Von einer Klippe konnten abenteuerlustige Menschen wie ich in das klare Wasser springen. Die Klippe war höher als sie aussah.

Schweren Herzens habe ich die Freeclimber, Kulturtouristen und Hipster-Hippies hinter mir gelassen und bin mit Jason nach Goa gefahren. Jason, ein Amerikaner den ich bereits in Bangalore kennen gelernt hatte, hatte sich für die Reise ein Auto gemietet. Auf dem Weg nach Hampi ist bereits einer der Seitenspiegel abhandengekommen. Die siebenstündige Autofahrt hat sich etwas verzögert: einmal wurden wir wegen erhöhter Geschwindigkeit angehalten (etwa 5 Euro Gebühr), und nachdem wir bei einer Straßenkontrolle am Rande Goas über einen Stein gefahren sind, durften wir einen Reifen wechseln. Für das Passieren der Landesgrenze wollte der freundliche Grenzpolizist zunächst die Stirnlampe haben, aber Jason konnte die Grenzgebühr doch noch auf einige Euro herunterhandeln.

Erschöpft kamen wir in Goa an.


Images from stephango

Vicigo - explore the world of hashtags