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13. Die letzte Reise.

2016-06-11 Vicigo

Das Ende meiner Zeit in Delhi ist unausweichlich. Ich treffe mich mit einigen Freunden, um mich von diesen zu verabschieden; manche werde ich vielleicht nie wieder sehen. Sowohl am College, als auch an der Fakultät versuche ich, eine Vielzahl von Bekannten aufzusuchen.

Es gibt noch viele weitere Dinge, die ich vermissen werde: die Gwyer Hall, die Hunde, Affen, Katzen und Kühe, das Essen, die Universität, aber auch abstraktere Gegenstände wie die alltägliche Exotik, das unverhergesehene Abenteuer und die oft ungeplante Situationskomik. Ich werde mich wieder daran gewöhnen müssen, wieder Klopapier und Besteck anstelle von linker Hand und rechter Hand zu benutzen, und selbst mein Zimmer zu putzen und Essen zu kochen.

In den acht Monaten wurde ich, anders als es in Deutschland üblich ist, als Ausländer stets sehr gastfreundlich und mit viel Neugierde empfangen. (Viele der immer wiederkehrenden Fragen kann ich bereits im Schlaf beantworten.) Nicht selten wurde ich auf einen Tee oder auf ein Mittagessen eingeladen. In meiner Funktion als Repräsentant Deutschlands konnte ich durch den Kontakt mit den vielen und vielseitigen Schichten der indischen Bevölkerung einen kulturellen Austausch zwischen den oft gegensätzlichen, aber noch öfter sehr ähnlichen Kulturen Ost und West erwirken [für das Protokoll].

Eine Woche vor meiner endgültigen Abreise habe ich meine letzte Reise angetreten und Varanasi besichtigt. Da die Nachtzüge nach Varanasi hoffnungslos ausgebucht waren, musste ich fliegen.

Leicht verspätet bin ich abends in Varanasi gelandet. Der Fahrpreis vom Flughafen zur Innenstadt ist zwar fest vorgegeben, aber das hält die geschäftstüchtigen Taxifahrer nicht davon ab, zusätzlichen Gewinn aus ahnungslosen Touristen zu schlagen. „Air Conditioning costs 100 Rupee extra.“ Cool habe ich geantwortet: „Ok, then no AC, please. We can open the window.“ – “Window open is not possible, the street is too dusty.” “Well, I am fine, it’s not too hot.” Der Fahrer hatte sich ins eigene Fleisch geschnitten: “Ok, I will turn AC on on my side, but not on your side.”

Als wir über die tatsächlich sehr staubige Straße gefahren sind, hat mir der Fahrer bereits einiges über die Stadt erzählt: „Varanasi: The city of education and cremation, the city of learning and burning.“

Die heilige Stadt Varanasi, heiligste aller Städte, auch Kashi oder Benares genannt, zählt zu den ältesten durchgehend bewohnten Städten dieser Welt und ist Indien pur. Varanasi liegt am ebenso heiligen Ganges und ist ein Pilgerort für Hindus. Die, die hier sterben und kremiert werden, haben sehr gute Aussichten auf „Moksha“, die Erlösung und Befreiung, die Erleuchtung, den Ausbruch aus dem Kreislauf der Wiedergeburt. Vergleichbar ist Moksha mit dem Aufstieg der Christen in den transparenten, lichtdurchfluteten Himmel, der bekanntlich den Toten alle Wahrheiten sehen lässt und erleuchtet.

Auch der Heilige Siddhartha Gautama, später Buddha („der Erwachte“) genannt, hat zeitweise in der Region um Varanasi gelebt und gelehrt, etwa 500 Jahre v. Chr. Siddhartha wuchs als junger Prinz in Nepal in einer Welt des Luxus auf. Der Legende nach erkannte der Prinz, nachdem er den Palast in vier Himmelsrichtungen verließ, vier Realitäten, das wahre Leid der Menschheit: Altern, Krankheit, Tod und Schmerz. Auf der zunächst erfolglosen Suche nach dem Ausweg aus dem Leid (Erlösung) „erwachte“ er im Tal des Ganges unter einer Pappelfeige und stieß auf vier „edle Wahrheiten“: Es gibt Leid, es gibt die Entstehung von Leid, es gibt die Beendigung von Leid, und es gibt einen „Pfad der Ausübung“, der zur Beendigung des Leids führt.

Hermann Hesse hat das Buch „Siddhartha“ geschrieben, bei dem er den eigentlichen Inhalt mit der indischen Saga Buddhas „kleidet“.

Varanasi kommt auch im Gangster-Film „Gangs of Wasseypur“ vor. Als der Sohn des Bandenführers Sardar Khans nach Varanasi reist, um eigentlich zu billige Waffen zu kaufen, wird er im Zug zurück nach Wasseypur von der Polizei kontrolliert und verhaftet. Als er das zweite Mal nach Varansi reist, erschießt er den Waffenhändler.

Zwecks der Bedeutung für die Hindus ist der jetzige, hindunationale Ministerpräsident Indiens „Narendra Modi“ gleichzeitig auch Abgeordneter für Varanasi und hat bereits viele Projekte in Varanasi in Angriff genommen.

Im Hostel habe ich mit einigen anderen Reisenden zu Abend gegessen. Als wir später im Garten saßen, hat mir ein Engländer, der etwa dreißig war, aber schon graue Haare besaß, einen Joint angeboten. Ich sagte: „I am very tired, I don’t want to smoke. Besides, I just came by flight, so you could say that I was pretty high already.“ Der Engländer, perplex, hielt kurz inne, und sagte dann zu den anderen, garantiert nicht politisch korrekt: “Did you just hear that? He made a joke! A funny German … a rare breed.”

Am nächsten Tag bin ich um viertel vor sechs aufgestanden, um bei Sonnenaufgang die Zeremonien am Fluss zu verfolgen. In der geteilten Rickshaw wollte ich nahe des „Dashaswamedh Ghat“ am Ufer des Ganges aussteigen, aber der Fahrer hat mir beschwichtigt, dass ich noch sitzen bleiben solle, offenbar weil er die anderen Fahrgäste zuerst an ihr Ziel bringen wollte. Als er mich selbst eine Viertelstunde später nicht herauslassen wollte, bin ich ungeduldig und unzufrieden – schließlich war ich spät dran und wegen der frühen Uhrzeit leicht reizbar – aus der Rickshaw gestiegen, ohne zu bezahlen. Auf dem Weg zum Ufer hat er mich allerdings eingeholt, und ich habe ihm etwas Geld gegeben.

Der Weg zum Ganges war trotz der frühen Morgenstunde voll; Sadhus, hinduistische Mönche, zogen die Straße entlang, mit Glocken und Gesang. Als ich am Ufer ankam, stand die Morgensonne knapp über dem Horizont und hat die heilige Stadt mit frischem und klarem Licht erhellt. Breite Treppenstufen, auch Ghats genannt, führten vom Fluss bis zu den zahlreichen, hoch gelegenen Gebäuden am Ufer. Die Ghats dienen hauptsächlich dazu, Poojas (religiöse Zeremonien) zu halten und sich zu baden. Auf dem Weg entlang des Ufers am Dashaswamedh Ghat haben einige der Mönche Rituale gepflegt, umgeben von Rauch und dem monotonen Klang der Glocke.

Als ich etwas orientierungslos das Flussufer entlangspaziert bin, habe ich nach einiger Zeit eine Gruppe von etwa dreißig jungen Mönchen gesehen, die auf den Treppenstufen beteten. Etwas weiter flussaufwärts, am Harishchandra Ghat, bin ich auf eine Gruppe von Menschen gestoßen, die auf dem matschigen Boden des Flussufers Scheiterhaufen gestapelt haben. Nebenan lag eine Leiche, in Tücher gewickelt. Die Trage wurde halb ins Wasser gelegt, um den toten Menschen von Sünden zu reinigen. Direkt über den Treppenstufen stand ein großes Gebäude ohne Eingang. Dahinter hat ein „Chaiwallah“ Tee verkauft. Müde habe ich einen Tee getrunken.

Während ich auf die Zeremonie gewartet habe, bin ich zurück zu den Mönchen gegangen. Von einer Mauer aus konnte ich beobachten, wie die Mönche jetzt in einer Reihe am Fluss standen. „Ganga mata ki jai!“ – „Sei gepriesen Mutter Ganges!“

Zurück am Ort der Kremation sind die Angehörigen mit einem brennenden Zweigbündel einige Male um die tote alte Frau gelaufen, bevor sie den Scheiterhaufen mit dem Zweigbündel an mehreren Stellen angezündet haben. Wenig später brannte der Holzhaufen lichterloh. Der Rauch stank. Ich konnte mich nicht zurückhalten und habe schnell und unbeachtet ein Bild geschossen. Aus Angst, respektlos zu sein, habe ich von weiteren Bildern abgesehen.

Neben den brennenden Leichen haben Wäscher Kleider im Fluss gewaschen. (Weiter flussabwärts hat ein Mann auch sein Fahrrad im Fluss gewaschen.) Nach dem Frühstück bin ich erneut zum Ort der Verbrennung gegangen. Mittlerweile standen die Wäscher umrandet von Kohle im Wasser. Lediglich der Bereich des Wassers, auf welchen die Wäscher die Kleider klatschten, war sauber. Sollte ich ein weiteres Foto wagen?

Neben mir stand ein Tourist. Er konnte offensichtlich meine Gedanken lesen: „It is not allowed to take pictures here. Just yesterday, two American tourists got into a fistfight after taking pictures of burning bodies. In the end, the police had to come.“

Ein Inder stieß zu uns, der behauptete, er sei Student in Varanasi. „There is another burning ghat. I can show you the way! I like to tell people all about my culture. I don’t ask for money.“

Also sind wir zu zweit flussaufwärts gegangen. Währenddessen hat mir mein Begleiter einiges zum hinduistischen Glauben erzählt. Die Sonne knallte auf die steinigen Treppenstufen und die dahinterliegenden Wände. Obwohl es noch morgens war, hat man die Hitze bereits gespürt.

Wir haben uns einen Shivatempel angeschaut, vor dem wir wie gewohnt die Schuhe ausziehen mussten. Der Boden war nass und dreckig, der Innenraum dunkel und unheimlich, wie aus einer vergangenen Zeit. Als wir wieder draußen standen, hat mir der Student ein Wandbild gezeigt, auf welchem Shiva eine Bong-Pfeife raucht, zu seinen Füßen liegen Gebeine. In der hinduistischen Dreieinigkeit (Trimurti) ist Brahma der Erschaffer, Vishnu der Bewahrer, und Shiva der Zerstörer. (Die physikalischen Pendants wären Urknall, Energie und Kräfte.) Da sich der Erschaffer naturgemäß aus dem Weltgeschehen heraushält gibt es heute nur noch einige wenige Brahma-Tempel, der bekannteste von ihnen steht in Pushkar. Als ich diesen im November besichtigt habe, war ich mir über dessen Einzigartigkeit allerdings noch nicht bewusst.

In der Nähe des Dashaswamedh Ghat haben wir uns einen zweiten, weniger bedeutenden Tempel angesehen, bevor mir ein älterer Mann eine Handmassage geben wollte. „Trying is free“. Nachdem mir der Mann die Hand massiert hatte bis die Finger knacksten, wollte er wie erwartet doch etwas Geld haben. „I’m sorry, I am a poor student, I cannot spend much, I am already running out of money!“

Der Student hat vorgeschlagen, zum Laden von seiner Familie zu gehen, in welchem sie „handicrafts“ verkauften – ich könne ja nur schauen, und muss nichts kaufen. „Let’s go to the other burning ghat first, and then go shopping!“ Daraufhin sind wir zum berühmten „Manikarnika Ghat“ gegangen, dem Ghat bei dem die meisten Feuerbestattungen stattfinden. Auf mehreren Ebenen qualmen hier tagtäglich die Toten. Je höher die Kaste, desto höher die Ebene. Am Rande des Ghats stapelte sich das Feuerholz. Am Ufer spielten Hunde zusammen mit Kühen, manchmal sah man eine Kuh wild über die heißen Kohlen springen.

Das Manikarnika Ghat wird auch im preisgekrönten Buch „The White Tiger“ (von Aravind Adiga) erwähnt, als die Hauptperson des Buches bei der Bestattung seiner Mutter beiwohnt. Die Mutter war im Buch in teure Tücher gehüllt, vermutlich, so der Ich-Erzähler, weil die Familie verbergen wolle, wie schlecht sie die Mutter zu Lebzeiten behandelt hatte. Als die tote Mutter schon fast verbrannt war und bereits vom Schlamm verschluckt wurde, wehrte sich ein letzter Zeh vor dem endgültigen Nichts, die Mutter wolle noch nicht gehen. Ein blasser Hund wartete bereits hungrig vor der Leiche. „This was the real god of Benaras [Varanasi] – this black mud of the Ganga into which everything died, and decomposed, and was reborn from, and died into again. […] Nothing would get liberated here.“

Am Eingang eines zerfallenen Gebäudes direkt über den Treppenstufen wartete ein Fremdenführer auf Touristen. Er begann, mir zu erzählen: „This building, just as the other surrounding buildings, used to be a hospice, a place where old people come to die in peace. I am a hospice-worker, and I show tourists around. I don’t take money.“ Also hat er mir das Gebäude gezeigt.

Von der ersten Etage hatte man eine gute Aussicht auf die Verbrennungsstätte. Der Fremdenführer hat mir das ewige Feuer gezeigt, dass dort schon seit Jahrhunderten brennt und benutzt wird, um die Zweigbündel zu entfachen. Er erzählte, dass Hindus verbrannt würden, damit sich die Seele besser vom verwesenden und rottenden Körper trennen kann und einen neuen Körper suchen kann.

Ausgenommen von der Verbrennung sind fünf Gruppen: Kinder, da diese noch rein sind und deren Körper nicht fest an der Seele haftet, Sadhus (Mönche), die wieder rein sind und sich täglich darin üben, den Körper von der Seele zu trennen, Schwangere, deren Baby rein ist, von Schlagen Getötete, da die Schlange ein Zeichen des Gottes Shiva und somit heilig ist, sowie Witwen (?).

Später erfuhr ich auch, dass es heute für Witwen verboten ist, bei der Verbrennung ihrer verstorbenen Ehemänner anwesend zu sein. Zu oft ist es passiert, dass die Witwen zu ihren Ehemännern in das Feuer sprangen und am lebendigen Leib verbrannten. Hintergrund ist oft nicht der Sieg der Liebe über den Tod, sondern die Furcht vor dem Leben als Witwe: Von Witwen wird erwartet, dass sie sich nicht mehr am Leben erfreuen (unter anderem also das Farbenfest Holi nicht mitfeiern dürfen), manchmal werden sie sogar für den Tod ihres Ehemanns verantwortlich gemacht, und oft werden sie nach Beendigung ihrer Rolle als „Frau“ zum „Neutrum“, also nicht mehr als „sie“, sondern als „es“ angesprochen.

Der Fremdenführer/Hospizangestellte/Trickbetrüger hat weiter erzählt, dass bei Männern die Brust als letztes verbrenne, weil die Brust stark ist und sich gegen die Flammen wehrt. Bei Frauen hingegen sei die Hüfte stark, weil diese das heranwachsende Kind trägt.

Für die Beerdigung müssen Angehörige etwa 300kg Feuerholz kaufen. Ein Großteil davon ist das billigere Mangoholz, während ein kleiner Teil davon das teurere, wohlriechende Sandelholz ist.

Als wir aus dem verfallenen Gebäude gegangen sind, hat eine alte, kranke Frau am Eingang auf uns gewartet und nach einer Spende verlangt.

Der Fremdenführer erklärte: „1kg sandalwood costs 12000Rp. 1kg mango wood only costs 250Rp. She would like you to make a small wood donation so that the people in the hospice would get a proper burial. How many kilogram mango wood would you like to donate? “

Ich antwortete: “I would like to donate 0.2kg.“ - “2 kilogram only? You should at least spend 15kg for good karma. Others give 10kg. Poor people only give 5kg.” - „I meant 0.2kg, so that makes … 50 Rupee.“ – „50 Rupee is not enough.“

Ich habe kurz überlegt, und dann gesagt, in meiner Rolle als bettelarmer Student: „I am sorry, 50 Rupee is everything I can offer, but if this is too little for you then I cannot give you anything, because I don’t want to insult you with my small amount.“ Die 50 Rupien, die ich schon herausgekramt hatte, habe ich wieder in meine Tasche gesteckt und bin die Treppe hinuntergelaufen. Der als Fremdenführer spielende Hospizangestellte getarnte Trickbetrüger lief mir hinterher, um den Spatz in der Hand zu bekommen, der plötzlich groß wie eine Taube geworden war und bereits auf dem Dach saß. „Ok. You can give 50 Rupee.“ – „I am very sorry, but I really don’t mean to insult you! You yourself said that 50 Rupee is not enough, and I understand that.“ Dass hier mit Kremation eine Masche gemacht wurde, war etwas makaber.

Der “Student” vom frühen Vormittag wartete draußen. Sein nächster Vorschlag (abgesehen von Shopping) war der „Golden Temple of Shri Kashi Vishwanath“, einer der berühmtesten Hindu Tempel überhaupt. Als wir gerade unsere Schuhe abgeben wollten, hat mich der Schuhhüter danach gefragt, ob ich den Reisepass bei mir trage. „No, I don’t carry it with me right now. Why?“ Tatsächlich braucht man als Ausländer, jedoch nicht als Inder einen Reisepass, um in den Tempel zu kommen. Für einen Moment habe ich ernsthaft überlegt, ob ich nicht einfach meinen indischen Studentenausweis zeigen und mich als Inder ausgeben solle, der eine deutsche Mutter hat und daher zwar Englisch, aber kein Hindi spricht. Allein die Unglaubwürdigkeit dieser Geschichte als auch die große Anzahl der unberechenbaren Polizisten hat mich davon abgehalten.

Daraufhin habe ich mir zunächst einen Litschisaft gekauft. Der Student meinte: „Could you also buy me one? You are my friend.“ Nachdem ich den Saft zur Hälfte getrunken hatte, meinte ich: „You know what: we can share. You can have the rest.“ Der Student hat abgelehnt. Auf einem Platz entdeckten wir eine kleine Ziege. Nach etwa einer halben Minute kam ein kleiner Junge, bereits eine Ziege in einer Hand, und nahm die andere Ziege in die andere, lachte, und ging.

Wieder zurück am Dashaswamedh Ghat hat mir der Student gesagt: „Now we go shopping!“ Ich erwiderte: „Actually, I don’t want to go shopping now. In fact, I really hate it, especially when I am travelling.“ Das stimmte tatsächlich.

Also habe ich mich vom „Studenten“ verabschiedet. Wütend darüber, dass er keine Rupie aus mir herausquetschen konnte, oder vielleicht sogar noch vielmehr darüber, dass ich ihn nicht ethischerweise abgewimmelt und er seine Zeit mit mir verschwendet hatte, ging er davon.

Ich ging zum Ufer, um eine Bootsfahrt über den Ganges zu machen. Schon zuvor wollten mir dutzende Bootsführer eine Bootsfahrt andrehen, die Konkurrenz war wieder groß. Ich ging zu einem schon fast vollen Boot. Selbst als ich bereits Platz genommen hatte, versuchte mich ein zweiter Bootsführer abzuwerben. Im Boot saßen nur Inder.

Das Boot fuhr zur anderen Seite des Flusses, wo nur einige wenige Stände standen. Ein Friseur wollte mir den Bart schneiden. Viele Kinder badeten im Wasser.

Balram, die Hauptperson des Buchs „The White Tiger“, beschrieb den Ganges so: “Now, you have heard the Ganga called the river of emacipation, and hundreds of American tourists come each year to take photographs of naked sadhus at Hardwar or Benaras, and our prime minister will no doubt describe it that way to you, and urge you to take a dip in it. I urge you not to dip in the Ganga, unless you want your mouth full of feces, straw, soggy parts of human bodies, buffalo carrion, and seven different kinds of industrial acids.”

Ich missachtete den Rat des Dieners, Philosophen, Entrepreneurs, und Mörders Balram, legte meine Kleider zu einem der Verkaufsstände und sprang in den gar nicht so dreckigen Ganges. Spontan war ich in eine wilde Wasserschlacht verwickelt. Einer der etwas älteren Kinder wollte mit mir über den Fluss schwimmen, zurück zu den Ghats, aber ich wollte nicht das Boot verpassen, das nur etwa 20 Minuten wartete. Der Fährmann hat seine Haare im Wasser mit Shampoo gewaschen.

Es war bereits Mittag, als ich auf der anderen Flussseite eine Fahrradrickshaw zum etwa 4km entfernten Hostel genommen habe. Die Temperatur war auf fast vierzig Grad angestiegen, und der Rickshawfahrer hat schwer geschwitzt. Ich war barmherzig und habe dem Fahrer im wahrsten Sinne des Wortes ein Trinkgeld gegeben (10 Rupien = 14 Cent).

Nach einem Mittagsschlaf bin ich mit anderen Reisenden erneut in die Innenstadt gefahren, diesmal um die Abendzeremonie anzuschauen. Auf dem Weg zum Flussufer sahen wir, wie sich eine Kuh in einem Kleidergeschäft verirrt hatte. Am Dashaswamedh Ghat sahen wir die bereits von Balram erwähnten „naked sadhus“ (nackten Heiligen): bekleidet mit einem nur das „vordere Teil“ verdeckenden Stofffetzen, nicht aber den Hintern, und auf dem ganzen Körper mit weißer Asche eingeschmiert, lief einer der Sadhus mit zwei Schellen durch die Gegend, die er hochhielt und kontinuierlich und monoton bewegte. Viele der Sadhus üben sich in strenger Askese. (Tatsächlich sind Inder im Allgemeinen Meister der Leidensfähigkeit.)

Wir gingen erneut zum „Manikarnika Ghat“, der großen Kremationsstätte, und tranken „Chai“, während sich die Seelen von den Körpern trennten.

Dann setzten wir uns auf die Treppenstufen des Dashaswamedh Ghat, wo die Zeremonie stattfinden sollte. Verkäufer und Sadhus liefen durch die Reihen. Eine Kuh urinierte auf den gepflasterten Weg; ein Mann eilte herbei, fing den heiligen Urin auf und kippte ihn sich über den Kopf. (Tatsächlich gibt es in Agra einen Kult, der jeden Morgen Kuhurin trinkt, um dessen göttliche Heilkraft als Mittel gegen Krankheiten zu nutzen.)

Dann begann die Zeremonie: bei heiligen Sprechchören und Glockenklang bewegten die Priester die brennenden Leuchter synchronisiert durch die Luft. Viele Zuschauer saßen auch auf den Booten im Wasser, um an der Zeremonie in Ruhe teilzunehmen.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde war die Zeremonie vorbei, und wir setzten uns in ein Restaurant auf dem Dach eines Palastes. Von dort hatten wir eine herrliche Aussicht auf den nächtlichen Ganges.

Zurück im Hostel habe ich mich schnell verabschiedet, um mit der Autorickshaw zum Bahnhof zu fahren. Genau pünktlich kam ich am Bahnhof an, etwa 5 Minuten bevor der Nachtzug nach Delhi fuhr. In nur einem Tag hatte ich in Varanasi so viel erlebt, dass ich problemlos 4.5 A4 Seiten füllen konnte.

In Delhi erwartete mich eine traurige Nachricht: Meine Großmutter hat im Alter von 91 Jahren ihre letzte Reise angetreten. Erst vor wenigen Tagen hatte ich mit ihr zum letzten Mal gesprochen; ihre Stimme war schon schwach gewesen. Nicht am heiligen Fluss, sondern in der ihr heiligen Heimat wird sie verbrannt werden, und ihre Seele, bereits getrennt vom Körper, wird ohne Umwege in den alle Wahrheiten offenbarenden Himmel aufsteigen.

Und während meine Großmutter ein langes Leben beenden musste, so muss auch ich, in gewisser Hinsicht, ein Leben beenden, das deutlich kürzer, genau genommen 8 Monate, andauerte, etwas exotischer und abenteuerlicher und nur eines aus einer Vielzahl von Leben war. Denen, die mich in diesem Leben begleitet haben, danke ich von Herzen.

Meine Kleider sind bereits im Koffer verstaut, meine Erlebnisse im Kopf und im Computer abgespeichert, nebst vielen Bildern und Eindrücken, und es wird Zeit, mich von Indien zu trennen, ähnlich wie sich jede Seele irgendwann von ihrem Körper trennen muss. (Allerdings hoffe ich natürlich, dass Indien bei dieser Trennung nicht verbrannt wird.)

Ich trenne mich mit mehreren hunderten km/h, und dir Flieger lenkt ein, in Richtung Dubai (ironischerweise).

Zuletzt möchte ich mich bei allen Lesern bedanken für die Zeit, die ich ihnen geraubt habe, sowie die Geduld, die meine Faulheit erforderte.

Was wäre eine gute Erzählung ohne ihre Charaktere? Hereby I want to thank the innumerable people which I met on this long journey and who, often unknowingly, nurtured and even generated these countless stories. Thank You!

Außerdem bedanke ich mich bei Adrian, der die Plattform „Vicigo“ errichtet und dem Blog damit seinen Rahmen gegeben hat, sowie bei meinem vergangenen Ich für das mühevolle und zeitintensive Schreiben der dreizehn Artikel, aber auch bei meinem zukünftigen Ich für das verständige und erinnerungsschwere Lesen.

„East met West, and West met East, and the twain shall meet again…“


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