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11. Besuch aus dem reichen Westen.

2016-05-07 Vicigo

Im März haben mich mein Zwillingsbruder Thomas und unser gemeinsamer Freund Felix besucht. Inwiefern Felix in meinem Zimmer übernachten durfte, blieb fraglich: Mein Wohnheimszimmer ist zwar groß genug, um eine ganze indische Familie zu beherbergen, aber offiziell dürfen nicht-verwandte Personen nicht in meinem Zimmer übernachten. Die Regel hat den Hintergrund, dass viele Bewohner in der Gwyer Hall illegal ihre Freunde bei sich beherbergen, die sich keine Wohnung leisten können oder wollen. Selbst die Anschläge in Paris wurden als Grund aufgeführt, die Kontrollen an den Eingängen zu verschärfen – ohne Konsequenzen. Denn in Indien gibt es zwei Realitäten: die „offizielle“ Realität, und die „eigentliche“ Realität. Die Wachmänner wissen, wie schwierig es für die Studenten sein kann, ein Zimmer zu finden, und schauen daher nicht so genau hin. Und so war es schließlich kein Problem, Thomas und Felix, der einige Tage später kam, bei mir übernachten zu lassen.

Zunächst habe ich meinem Bruder die Universität gezeigt: Das „Department for Physics and Astronomy“, wo wir in eine Vorlesung reingeschaut und einige Freunde getroffen haben, das „Vice Chancellors Office“, den „Delhi University Garden“, sowie das „St. Stephens College“. Wir sind am Hund vorbeigelaufen, der immer bellt wenn er mich sieht, und am Kiosk mit der Verkäuferin, die den Kaffee immer schon fertig hatte, bevor ich an der Theke war. Anschließend sind wir zum „Hindu College gegangen“. Bei „PAM‘s“ („Pizzas And More“) haben wir uns kurz mit einem Freund unterhalten, bevor ich mit Thomas das etwas heruntergekommene, aber billige Studentenwohnheim „Hindu Hostel“, sowie die Baustelle des fast fertigen „Hindu Girl’s Hostel“ angeschaut habe, vor dem die Bauarbeiterkinder immer spielen. Das „Girl’s Hostel“ wird von den Studenten scharf kritisiert wegen hohen Preisen und strengen Regeln.

Im „Auditorium“ fand gerade ein Tanzfestival statt, und wir haben uns, zusammen mit einigen Freunden aus Soziologie, einige Auftritte angeschaut. Die Musik war wie gewohnt ohrenbetäubend. Hungrig sind wir in die Kantine geschlendert und haben für weniger als einen Euro zu Mittag gegessen, bevor ich meinem Bruder den Physik-Bereich gezeigt habe.

Am nächsten Tag mussten wir die Zugtickets nach Agra und Jaipur kaufen und sind anschließend mit der Metro in die Innenstadt gefahren, um uns den Regierungsbezirk mit dem beeindruckenden Präsidentenpalast anzuschauen. Von dort haben wir eine Auto-Rickshaw zum „Mughal Garden“ genommen, der nur im Februar und März offen hat. Es ist schwierig, als Weißer einen Rickshaw-Fahrer im Regierungsbezirk zu finden, der einen nicht „ausnehmen will wie eine Weihnachtsgans“ und zu horrenden Preisen zu Shoppingmalls und Museen fährt – bei allen Touristenattraktionen warten Gauner. Wir hatten noch etwa zwanzig Minuten Zeit, bis der „Mughal Garden“ schloss. Unser Fahrer fuhr langsam und redete viel – ein schlechtes Zeichen. Plötzlich bog er falsch ab und uns dämmerte es: er wollte, dass wir zu spät ankommen und er uns daraufhin woanders hinfahren kann. Ich musste handeln: „You are taking the wrong way! If we don’t reach in time, then no money, understand?“ Der Fahrer hat verstanden und uns mit doppelter Geschwindigkeit und auf direktem Weg zum Garten gefahren. „This is shortcut“, behauptete er.

Wir waren einige der letzten Besucher, die in den „Mughal Garden“ hereingelassen wurden. Dort erwartete uns eine Vielfalt von prächtigen Blumenbeeten und Pflanzen, unterbrochen allein von den Wegen und einigen Wasserbecken. Bei einem großen kreisrunden Beet, das sich zur Mitte hin absenkte, wurden wir von einem Familienvater nach einem Foto gefragt. „Sure, no problem!“ Nachdem er das Foto gemacht hatte, drückte er mir sein Baby in die Hand. „One more foto, please!“ Seine Frau schien nicht gerade begeistert zu sein.

Nachmittags sind wir nach „Hauz Khas Village“ gefahren, um uns dort den Rehpark anzuschauen. Dutzende Rehe leben hier mit einigen Pfauen in einem großen Gehege. Dahinter liegen ein kleiner See und Ruinen einer Moschee, einem Grab und einem theologischen Seminar. Wir haben die Ruinen zu Fuß erkundigt, bis wir und einige andere schließlich von einem Wachtmann wegschickt wurden. Im Anschluss haben wir uns mit meinem Sikh-Freund Harbajan getroffen, mit dem wir in die Gurudwara (sikhistische Gebetsstätte) Bangla Sahib gegangen sind. Nach der heiligen Musik sind wir um das quadratische Wasserbecken gelaufen, dann einmal um den großen Stab, und haben schließlich das süße Karah Parshad gegessen und das heilige Wasser getrunken. Daraufhin sind wir zum gemeinsamen Essen, dem Langar, gegangen. Hier wird jedem kostenlos serviert, unabhängig von Aussehen oder Religion. Die einzige Regel ist die, dass man aufessen muss – sonst wird man nicht herausgelassen! Die Regel kannte ich glücklicherweise noch aus meiner Kindheit. Eine Frau musste ihr Essen im Stehen vor dem Ausgang leeressen.

Auf dem Rückweg sind wir kurz beim Connaught Place ausgestiegen, um den Tag bei Aussicht auf den großen Kreisel mit einem Bier bzw. Saft abzurunden.

Am nächsten Morgen sind wir in den Süden zum ästhetisch symmetrischen Lotustempel des Bahai-Glaubens sowie dem beeindruckenden Siegesturm Qutb Minar gefahren. Nachmittags haben wir uns eine Theatervorstellung des Hindu Colleges angeschaut, die im Rahmen eines Theaterwettbewerbs stattfand. Da die Vorstellung zu spät anfing, hatten wir noch Zeit, ein Krankenhaus in der Nähe zu besuchen, das wie erwartet überfüllt und chaotisch aussah.

Abends sind wir in das muslimisch geprägte Nizzamuddin gefahren, wo neben vielen Mausoleen aus der Zeit der Moguln auch eine „Dargah“ steht (muslimischer Schrein). Jeden Donnerstag findet hier die „Qawwali“-Nacht statt, bei welcher andächtige Musik vorgetragen wird (Qawwali gennant). Die alten Gassen, die die Dargah umgeben, waren überfüllt. Vor dem Schrein wartete ein Ganove, der versuchte, hohe „Spenden“ von Touristen einzusammeln. Über dem Grab Nizzamuddin Auliyas lagen dutzende Tücher. Muslime warfen Blumenblätter auf die Tücher, über die jede Minute ein weiteres Tuch gelegt wurde. Als wir im Anschluss durch den vollen Innenhof gelaufen sind, auf dem Menschen saßen und gebetet haben, rief mein Bruder „Achtung!“, bevor ich von hinten angerempelt wurde. Instinktiv ging meine Hand auf meine Hosentasche, wo ich eine zweite Hand fühlte. Ich drehte mich zu dem jungen Mann um, dem die Hand gehörte, und schaute ihm etwa fünf Sekunden lang in die Augen, bevor dieser weiterging. „Der wollte dich beklauen“, meinte Thomas. Nur zwei Wochen zuvor wurde hier einem Bekannten aus dem Wohnheim die Brieftasche gestohlen. Nachts sind wir zum Flughafen gegangen, um Felix abzuholen.

Am Freitagmorgen sind wir mit dem Zug nach Agra im Bundesstatt „Uttar Pradesh“ gefahren, wo das berühmte Mausoleum der Mumtaz Mahal, der Taj Mahal, steht. Der Taj Mahal hat jeden Freitag geschlossen, weil neben ihm eine alte Moschee steht. Also sind wir mit der Rickshaw zum „Red Fort“ gefahren (nicht zu verwechseln mit dem in Delhi), bei der uns ein Führer die Geschichte der Festung lebendig gemacht hat. Großmogul Shah Jahan, der Erbauer des Taj Mahal, wurde in seinen späten Lebensjahren von seinem Sohn in einem kleinen Palast der Festung eingesperrt, von dem aus er den Taj Mahal sehen konnte.

Auf dem Weg zu unserer Rickshaw, die wir für den Tag gebucht hatten, wurden wir wie gewohnt von jungen Händlern im Schulalter umringt, die Holzschachs, Schneekugeln und ähnliches verkauft haben. „Sir, just 1000 Rupee – very cheap.“ „No, we don’t need this.“ “Ok, 800 Rupee, you are my good friend. 700 Rupee, you buy? Ok 600, my last price.” „We still don’t want to buy this.“ “Tell me your last offer!” Etwas genervt sind wir zur Rickshaw gehastet. Der Fahrer war bereits damit beschäftigt, die Rickshaw in Gang zu bringen. Die Händler umringten die Rickshaw: „You know what, I make very good deal because I like Germans. 500 Rupee. Ok, 480, last price.“

Der Motor ging nicht an. Es war, als ob die Rickshaw mit den Händlern unter einer Decke steckte. Wir waren hoffnungslos der Kakophonie der Händler ausgeliefert. „Sir, 450. No, 420. 400. Ok, I make very good deal: 350 Rupee. But this is my last deal.“ Mit Schneekugeln und Schlüsselanhängern unter den Nasen fragten wir beunruhigt den Fahrer: „Everything ok?“ Der Fahrer grunzte kurz, stieg aus, schraubte an der Rückseite seiner Rickshaw herum. „300! 250! 220! 180!“ Die Preise purzelten wie beim Sommerschlussverkauf. Halsketten und Holzschachs rückten immer näher, bedrängten uns von allen Seiten. „150! This is very good deal!“ Der Fahrer schob die Rickshaw vorwärts. “Can we help you?”, fragten wir. Der Fahrer stieg wieder ein, betätigte den Anlasser, gab Gas, zwei, drei, viermal, und dann geschah das Wunder: Räng-däng-däng-däng-däng-däng-däng… – der Motor lief! Langsam setzte sich die Rickshaw in Gang. Die Händler liefen noch hinterher: „Sir, Sir! 140! No – 130! 120!“ Als wir auf die Straße bogen, klang ein ferner Schrei in unseren Ohren: „100 …“

Die Innenstadt Agras in der Nähe der Festung war lebendig, mit einer alten Moschee im Zentrum. Der Fluss Yamuna, der auch durch Delhi fließt, teilt die Stadt. Neben dem Taj Mahal befinden sich hier auch weitere Mausoleen.


Am nächsten Morgen haben wir schließlich den Taj Mahal angeschaut. Erbaut wurde das Grabmal durch Shah Jahan aus Liebe für seine verstorbene Frau Mumtaz Mahal, die er so sehr liebte, dass Gott ihnen vierzehn Kinder schenkte. Der im Himmel schwebende Taj Mahal erscheint gelb bei Sonnenaufgang, weiß bei Tag, rot bei Sonnenuntergang, und blau im Mondlicht. Über 20000 Arbeiter haben siebzehn Jahre an dem Kunstwerk gearbeitet, während 1000 Elefanten den Marmor herangeschafft haben. 28 verschieden Edelsteinarten wurden in den Marmor eingearbeitet. Der Legende nach wurden allen Arbeitern nach der Vollendung des Werkes die Hände abgeschlagen, damit das Bauwerk kein zweites Mal errichtet werden kann. Direkt hinter dem Taj Mahal fließt der breite Yamuna-Fluss.

Der Innenraum des Taj Mahals, der mir bisher nicht bekannt war, ist schlicht. Komplizierte Baustrukturen stellen sicher, dass genügend Licht in den Innenraum gelangt.

Mittags haben wir ein Taxi nach „Fatehpur Sikri“ genommen. Um den Preis mussten wir lange verhandeln. Fatehpur Sikri wurde gegründet von Großmogul Akbar dem Großen, der von hier aus regierte, bis die Wasserversorgung der Stadt gefährdet war.

Salman Rushdies Roman „Die bezaubernde Florentinerin“, geschrieben im Stil des magischen Realismus, spielt in Fatehpur Sikri, als dieses noch in der Blüte stand und Hauptstadt des Mogulreiches war. Der Roman handelt von einem Europäer, der sich in den Hof Akbars einschleicht und ausgibt, ein entfernter Verwandter zu sein. Während der Fremde, ein großartiger Märchenerzähler wie der Autor selbst, seine Geschichte erzählt, fängt sie an, Wirklichkeit zu werden. Bei der Besichtigung des Palastes habe ich viele Schauplätze des Buches wiedererkannt.

Auf dem gewaltigen Vorplatz der Moschee steht der Schrein des Heiligen Salim Chishti, wegen dem Akbar nach Fatehpur Sikri zog. Wir mussten vor der Moschee die Schuhe ausziehen, und unsere Füße brannten von der Hitze des Steinbodens. Unter dem großen Tor, das zur Stadt führte, habe ich zufälligerweise einen alten Bekannten wiedergetroffen: ein Junge, der mir auf der Kamelmesse im weit entfernten Pushkar im November ein Holzschach verkauft hat und mir etwa zwei Stunden lang gefolgt war, hat mich sofort wiedererkannt. Kurz darauf war sein Geschäftssinn wieder aktiviert und hat erneut angefangen mit meinem Bruder, von den Verkäufern wegen seinem Bart nur noch Ali Baba genannt, zu feilschen: „I sold the chess to your brother for 600 Rupees [8 Euro]. You get it for 200!“ Leider hatte er Recht. Wir haben nicht herausgefunden, warum alle so scharf auf unsere gebrauchten Eintrittskarten waren. Die Karten hatten wir schon unserem Führer gegeben, der daraus einen „Kalender“ für seine Kinder machen wollte, als uns ein kleiner Junge nach den Eintrittskarten fragte, weil er diese „sammelt“.

Unser nächstes Ziel war Jaipur, Rajasthan. Jaipur wurde früher von den Rajputen kontrolliert, die kulturell und militärisch ein Gegengewicht zum Mogulreich waren. Wir waren wieder spät dran, aber glücklicherweise bildete sich vor dem Parkplatz sofort eine große Traube von Rickshawfahrern um uns, die uns zum Bahnhof fahren wollten. Damit konnten wir nicht nur den Preis senken, sondern auch die Spielregeln festlegen: „Sir, you drive us there in 30 minutes, or no money.“ Wir kamen rechtzeitig am Bahnhof an.

Im ungewohnt luxuriösen Zug gab es überraschenderweise Abendessen. Ebenso überrascht waren wir, als wir nach dem Essen nach Trinkgeld gefragt wurden – normalerweise ist Trinkgeld eher unüblich in Indien. Wir haben uns dazu entschieden, 10 Rupee Trinkgeld pro Person zu geben. Offensichtlich waren die Köche nicht zufrieden und sind davongestürmt, ohne das Geld zu nehmen. Schon in Agra wurden wir nach Trinkgeld und Bedienungsgeld gefragt, und auch dort wurde unser Beitrag nicht akzeptiert. Selbst als ich einmal einer alten Bettlerin auf dem Connaught Place in Delhi einen Rupee gegeben hatte, hat sie ihn mir wieder hinterhergeworfen.

Für Jaipur hatten wir ein luxuriöses Hotel gebucht, das sogar einen Swimming Pool, Air Conditioning und saubere Badezimmer hatte.

Am nächsten Tag sind wir mit der Rickshaw in die Stadt zum „Hawa Mahal“ Palast gefahren, für die wir einen Preis von 60 Rupee ausgehandelt haben. Als der Rickshawfahrer dann nach mehr Geld verlangte, ist Felix hart geblieben und hat gewartet, bis der Fahrer das volle Rückgeld herausgegeben hat. Der charakteristische und wunderschöne fünfstöckige Hawa Mahal („Palast der Winde“) wurde für die Haremsdamen erbaut, die hinter reichverzierten Fenstern das Stadtgeschehen beobachten konnten. Der Palast wurde so konstruiert, dass er im Sommer von Winden gekühlt wurde – daher der Name.

Im Anschluss haben wir die historische Sternwarte „Jantar Mantar“ („Magisches Gerät“) besichtigt, die früher die Uhrzeit, die Bewegung der Planetenbahnen, die astronomische Höhe und Deklination, die Ephemeriden sowie die Geburtssterne bestimmen konnte (In Indien gehen Astronomie und Astrologie Hand in Hand). Auf dem Gelände steht die größte Sonnenuhr der Welt, die mehr wie eine in den Himmel aufsteigende Treppe aussieht.

Den Stadtpalast haben wir ausgelassen und sind direkt auf den Siegesturm Ishwar Lat gestiegen, die einem eine herrliche Aussicht auf Jaipur, die Festungen in den Bergen sowie die alte Terrakotta-Pinkfarbene „Pink City“ gewährte. Als wir wieder unten waren, wollten wir in einen Tempel, der geschlossen war. Ein älterer Mann hat uns angesprochen und uns empfohlen, eine „hausgewerbliche“ Kleiderfabrik anzuschauen.

Dort angekommen haben Felix und Thomas gehandelt, während ich angemessene Preise und Qualitätsmerkmale der Schals sowie Seriosität der Fabrik recherchiert habe. Nach einiger Zeit habe ich schließlich festgemacht, dass uns die Händler ausnehmen wollen wie eine Weihnachtsgans, und wir sind gegangen. Ganz in der Nähe befand sich der Seepalast „Jal Mahal“.

Das Ufer war von Touristen und Verkäufern überschwemmt; auf dem Boden buddelten zahlreiche Ratten ihre Löcher. Als wir mit der Rickshaw nach Hause gefahren sind, hat der Fahrer behauptet, er habe die Edelsteine für den Film „Titanic“ hergestellt.

Am nächsten Tag haben wir das große „Amer Fort“ im Norden Jaipurs besichtigt. In der Festung waren neben Regierungsgebäuden auch Paläste, in denen Rajputen-Maharajas wohnten. Im ruhigen, historischen Dorf Amer haben wir einen Stufenbrunnen und viele Tiere gesehen.

Nach einem Abendessen im Hotel mussten wir zur Bushaltestelle, um in einem Auto zurück nach Delhi zu fahren. Die Bushaltestelle war nur eine Kreuzung und sehr unübersichtlich. Schließlich haben wir doch noch unseren Fahrer gefunden, der fünfzehn Minuten zu spät war. Nach fünfminütiger Fahrt ist noch ein weiterer Fahrgast hinzugestiegen. Dieser hat sich mit dem Fahrer derart angeregt unterhalten, dass wir uns nicht sicher waren, ob er nur ein Fahrgast war oder ein langjähriger Freund.

Obwohl jedes modernere Auto eine Klimaanlage besitzt, ist es in Indien üblich, das Fahrerfenster offen zu halten, trotz der schlechten Luft auf den Highways. Als es langsam kalt wurde, fragte Felix: „Could you close the window?“ Der Beifahrer musste übersetzen. Schließlich erwiderte er: „He says that he is already working since four in the morning. If the window is closed, he will get tired.“ Wir haben uns darauf geeinigt, das Fenster halb geschlossen zu halten.

Als wir uns Delhi näherten, fuhr der Fahrer immer schneller, vielleicht um früher anzukommen, oder aber um uns zu beeindrucken. Wir waren froh, dass wir trotz der „Need for Speed“-Aktion wohlbehalten in Delhi ankamen.

Die nächsten Tage haben wir ruhig angehen lassen. Wir haben in der tibetischen Kolonie unweit der Universität zu Mittag gegessen  und das Kamla Nehru Ridge mit den zahlreichen Affen und die Universität am Feiertag besichtigt. Außerdem haben wir den erst 2005 fertig gestellten und aufwendig verzierten „Akshardham“-Tempel, das hinduistische Pendant zur christlichen Sagrada Familia, und das traditionelle, muslimische „Old Delhi“ mit der Moschee und dem „Red Fort“ besichtigt. Vom Turm der alten Moschee hatten wir eine gute Aussicht auf Delhi.

Nachts sind wir nach Hauz Khas Village gefahren, um dort zu feiern. An diesem Abend fand zufälligerweise ein wichtiges Cricket-Spiel zwischen Indien und Bangladesh im Rahmen der „World Twenty20 India“, der Weltmeisterschaft in Kurz-Cricket, statt, und das Spiel lief in jedem Club – Indien ist verrückt nach Cricket! Glücklicherweise hat Indien gewonnen, und die Stimmung war phänomenal.

Am nächsten Tag war Holi, das Farbenfestival, bei dem es um den Sieg des Guten über das Böse geht. Der Legende nach wollte der Vater des kindlichen, Vishnu verehrenden Prinzes Prahlada diesen töten, indem die böse, feuerresistente Schwester Holika den Prinz mit ins Feuer nimmt. Der Prinz überlebte, aber die Dämonenschwester verbrannte zu Asche. Ähnlichkeit hat dieses indische Frühjahrsfest zum deutschen Karneval, und hier wie dort werden gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen für einen Tag aufgelöst. Früh morgens hat uns die laute Musik hinter dem Zimmer aus dem Schlaf gerüttelt. Bevor wir uns die Festlichkeiten stürzten, wollten wir allerdings noch etwas frühstücken. Leider waren alle Kantinen zu, und bevor wir uns versahen tanzten wir plötzlich mit einer Gruppe vor der Kantine des benachbarten Wohnheims. Einer hat mit einem Wasserschlauch auf die tanzenden gezielt. Jeder wurde dann mindestens einmal hochgehoben und mit dem Schlauch nass gemacht. Dazu gab es etwas matschige Süßigkeiten und den berüchtigten Bhang Lassi, dessen spirituelle Kräfte (Marihuana) jeden, der das spezielle Joghurtgetränk trank, mit der Welt und dem Kosmos verband. Nach etwa einstündiger wilder und dreckiger Feierei sind wir weitergezogen, noch immer nach der Suche nach etwas Essbarem. Auf dem Weg haben zwei Jungen auf dem Motorrad angehalten, um uns Farben ins Gesicht zu schmieren. Hinter der Gwyer Hall sind wir gerade eine schmale Gasse entlang gelaufen, als uns Bewohner einer kleinen, ärmlicheren Wohnenklave zu ihrer Feier eingeladen haben. Also sprangen wir über den Zaun und setzten uns dazu. Die Frauen standen etwas am Rande. Die Gastfreundlichkeit der Armen kennt keine Grenzen, und so wurde uns das beste Schweinefleisch und Gemüse serviert. Zu trinken gab es ein Glas Whiskey mit einem Schuss Cola. Die kleine Gruppe hatte schon etwa fünf Whiskeyflaschen geleert und war dementsprechend heiter. Einem Jugendlichen konnten wir nicht ansehen, ob er betrunken oder geistig behindert war: einmal hat er ohne Vorwarnung eine Bank umgeschmissen, auf der ein Wasserkanister stand, um kurz darauf eine Kleiderleine vom Baum zu reißen. Ohne ihm Beachtung zu schenken haben die Angehörigen den Schaden beseitigt. Nach dem Essen haben wir mit den Kindern getanzt. Schließlich wurden uns noch weitere Farben ins Gesicht geschmiert, während sich die ganze Familie vorstellte. Uns fiel es schwer zu gehen. Bei der Verabschiedung wurden wir traditionsgemäß zum Abendessen eingeladen.

Leicht gesättigt und leicht angetrunken sind wir zurück zur Gwyer Hall gegangen, wo sich die meisten Feiernden schon müde zurückgezogen haben. Als wir jedoch kamen, hat der DJ die Musik wieder angeschmissen und der Präsident hat eine Handvoll Leute zusammengetrommelt, mit denen wir wieder wild getanzt haben. Jedem Tanzenden wurde ein Kübel Wasser übergeschüttet. Dann gab es endlich Mittagessen.

Am späten Nachmittag haben wir den Präsidenten leicht benebelt vorgefunden: „You know, herbal Lassi is stopping thinking process.“ Er habe etwa drei Bhang Lassi getrunken. „The whole universe is surrounding!“

Während ein Abenteuer endet, beginnt ein neues: Nachdem wir unsere Sachen gepackt und ein leckeres südindisches Mittagessen in der Kantine genossen haben, haben wir Indien zurückgelassen und sind nach Dubai geflogen!


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